Donnerstag, 27. Juli 2017

Die Wächter des erhabenen Staates – Historisches und Gegenwärtiges zur Etablierung der Grünen und Grauen Wölfe in Europa


In der von Seyran Ateş und ihren Mitstreitern initiierten überkonfessionellen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin beten Frauen und Männer Seite an Seite, halten unverschleierte Frauen die Vorpredigt und werden homosexuelle Muslime ausdrücklich begrüßt – allein dies provoziert. Es dauerte nur wenige Tage nach der Gründung der Moschee, dass das Diyanet, die höchste religiöse Instanz in der Türkei, diese als Intrige von Fethullah Gülen, ein Synonym für nationalen Hochverrat, denunzierte. Die Moschee, so jenes dem türkischen Ministerpräsidenten direkt unterstellten Amtes, missachte „die grundlegenden Prinzipien unserer erhabenen Religion“, sie verfolge nichts Geringeres als die Untergrabung und Zerstörung des Islams. Das Diyanet, dessen Außenamt DİTİB (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği) heißt, ruft am Ende der Verleumdung noch die „gläubigen Brüder“ auf, sich nicht provozieren zu lassen. Der Aufruf, der Provokation nicht zu erlegen, gleicht der Rhetorik des faschistischen Agitators. Die Aufforderung, die Disziplin zu wahren, bestärkt den Verfolger im Glauben an seine Unschuld und positioniert ihn unweit an der Schwelle zum Totschlag aus höheren Beweggründen. Zuallererst fungiert sie als Drohung mit der Enthemmung der Provozierten und chronisch Gekränkten. „Befehle es und wir töten, befehle es und wir sterben“, so die notorische Unterwerfungsgeste von Erdoğans Brüllvieh und der Todesgruß an jene, die den Staat – denn nichts anderes meint das Diyanet, wenn es von der „erhabenen Religion“ spricht – missachten.

Die Schwelle, die zu übertreten sich die „gläubigen Brüder“ nicht hinreißen lassen sollen, liegt unweit hinter der virtuellen Kommentarfunktion, in der Seyran Ateş tagtäglich mit dem Tod bedroht wird und das Gerücht kursiert, die von ihr mitinitiierte Moschee sei eine Verschwörung von Fethullah Gülen. Dass diese Frau überhaupt weitermacht, ist eine Ohrfeige für jede Charaktermaske der deutsch-türkischen Kumpanei. In den frühen 1980er Jahren beriet die junge Seyran Ateş als angehende Juristin vor allem türkeistämmige Frauen in Berlin-Kreuzberg, sich aus dem familiären Würgegriff zu befreien. Diese Missachtung der grundlegenden Prinzipien der Familie, der Elementarform des Staates, also unbedingte Loyalität und Identifikation mit dem Aggressor, rächt am 25. September 1984 ein gekränkter Mann, der Seyran Ateş beinahe um ihr junges Leben bringt und eine ihrer Klientinnen ermordet. Eine Bleikugel trifft Seyran am Hals und dort eine Arterie. Der Mörder wird von Seyran und anderen Zeugen als militant organisierter Grauer Wolf namentlich identifiziert, doch der Mann wird freigesprochen. Er genoss offensichtlich Schutz über das türkisch-nationalchauvinistische Milieu hinaus, das der Familie von Seyran Ateş mit einem Schweigegeld von 40.000 Deutsch-Mark umwirbt. Ein Mitglied des Verfassungsschutzes sagte vor Gericht aus, es gebe keinen eingetragenen Verein namens „Graue Wölfe“, er könne sich folglich auch nicht zu ihnen und der politischen Gesinnung des Verdächtigten äußern. Es waren christsoziale Antikommunisten, allen voran der spätere bayrische Ministerpräsident Strauß, die Ende der 1970er Jahre den faschistischen Grauen Wölfen zur Gründung einer legalen Aktionsplattform, der Türk Federasyon, verhalfen. Die Bande schien auch die folgenden Jahre noch zu halten.

Die Wächter des Türkentums

Für christkonservative Antikommunisten waren die Grauen Wölfe der Türk Federasyon, die, wie der afghanische Schlächter Gulbuddin Hekmatyar noch die „grundlegenden Prinzipien der Religion“ gewahrt haben, Brüder im Geiste auf der Jagd nach dem kommunistischen Gespenst. Sie garantierten darüber hinaus die deutsch-türkische Verständigung darüber, dass die Kinder der türkischen Diaspora nicht im Schmelztiegel – noch so ein Gespenst – verloren gehen sollten: sie vertraten also das beidseitige Interesse an Segregation.

Die erste Generation türkischer Migranten, nahezu ausschließlich allein reisende Männer, war noch sich selbst überlassen. Das ändere sich spätestens in den frühen 1970er Jahren. Vor allem die islamistische Erweckungsbewegung der Süleymancılar, benannt nach dem Prediger Süleyman Hilmi Tunahan, erkannte in der türkischen Diaspora das Menschenmaterial zu ihrer Agitation. In der Türkei selbst war das Tarikat kriminalisiert. Zu offen agitierte es gegen die formal-laizistische Republik Atatürks. Ihr mystifizierter Gründer Süleyman Efendi hatte sich ab den 1930er Jahren mit halblegalen und klandestin organisierten Koranschulen gegen die Säkularisierung gestemmt (1). Doch wie bei den rivalisierenden Tarikats galt die Aggressivität weniger dem Staat selbst, als viel mehr dem, was den Staat auszuhöhlen drohte: die Entfremdung vom Islam, die Nachahmung der Ungläubigen, kommunistischer Klassenhass. So entwickelte sich zwischen den Süleymancılar und der in jenen Jahren alles überragenden konservativen Adalet Partisi, geführt von einem der dienstältesten Herren der Republik Süleyman Demirel, eine bizarre Affäre, die auch noch anhielt als Koranschüler zunehmend militant gegen laizistische Dorflehrer auftraten. Was sie verband, war der Schrecken angesichts des in jenen Jahren noch lebhaften kommunistischen Gespenstes. Im Jahr 1977 schließlich brachte die AP den Schwiegersohn und Nachfolger von Süleyman Efendi, Kemal Kacar, als einen ihrer Abgeordneten in die Nationalversammlung. Eine ausgesprochene Nähe pflegten die Süleymancılar zur Partei der Grauen Wölfe, der Milliyetçi Hareket Partisi – vor allem in der türkischen Diaspora. Der hiesige Hauptimam der Süleymancılar, Harun Reşit Tüyloğlu, sprach seine Sympathien für die völkischen Turanisten offen aus; genauso wie seine Verachtung für die „Judendiener“ sowie aller, die sich „assimilieren“. In der Diaspora reizte vor allem der Familiennachzug dazu an, aus den Söhnen und Töchtern der „edlen und adligen Nation“ (Imam Tüyloğlu) jeden individualistischen Gedanken heraus zu prügeln. Die Katecheten ihrer Koranschulen waren berüchtigt für ihre Strenge. Der Moscheenverband, den der Imam Tüyloğlu in jenen Jahren vorstand, heißt bis heute VIKZ (türkisch: İslam Kültür Merkezleri Birliği) und ist einer der zentralen Kooperationspartner deutscher Migrationsverwaltung. Beinahe hätte Nordrhein-Westfalen den strikt organisierten Moscheenverband der Süleymancılar zur muslimischen Landeskirche gemacht, einschließlich eigener Kirchensteuer. In der Ökumene und anderswo herrschten Zuspruch und die Ministerialen brüteten Ende 1979 über einer entsprechenden Gesetzesvorlage. Das dies doch nicht so kam, lag vor allem auch an den gefürchteten Konsequenzen, mit denen Ankara drohte.

Unter der Modernisierungsdiktatur Mustafa Kemals waren die Tarikats, stockfromme Männerbünde wie die Nakşibendi, spätestens im Jahr 1925 als Horte der Reaktion geächtet. Als Vorsteher einer Moschee bewahrten aber einige der Şeyhler, die geistigen Führer der verbotenen Orden, ihre Autorität bei. So etwa Mehmet Zait Kotku, der Imam der prächtigen Iskenderpaşa Moschee in Fatih, gelegen im europäischen Istanbul. Überproportionale viele Ingenieure (2) und andere Universitätsabsolventen scharrten sich um die Gemeinde des Imams der Nakşibendi: Necmettin Erbakan etwa, der als Begründer der Millî Görüş auch zum politischen Ziehvater Erdoğans wurde. Oder Korkut Özal, Bruder des späteren Ministerpräsidenten von Gnaden der Militärdiktatur Turgut Özal, und Recai Kutan, Vorsitzender der Fazilet Partisi, die letzte Partei, die Erdoğan mit Erbakan teilte. Zu den noch jüngeren Gefolge des Imams gehörten Recep Tayyip Erdoğan, Beşir Atalay und Abdülkadir Aksu, die späteren Mitbegründer der AK Parti. Kotku (3) predigte, die durch die Säkularisierung „geschwächte“ Moral wieder zu festigen, sich zu bilden und den Marsch durch die Institutionen anzutreten. Von einem revolutionären Islam, wie er 1979 den Iran umwälzte, distanzierte sich der Imam aus taktischen Beweggründen. Die von ihm verfolgte leise Infiltration würde, so versicherte er sich und seinen Zuhörern, irgendwann in einem wahrhaft „Islamischen Staat“ enden.

Zu Trägern der leisen Infiltration erkor Kotku nicht die bäuerlich Frommen Anatoliens, bei denen die Säkularisierung nur äußerst gedämpft zu spüren war. Als Träger fungierten jene Semipriviligierten, die das Versprechen der Republik auf eine modernisierte Ökonomie an die Universitäten führte, denen aber alsbald dämmerte, dass sie nur der akademische Überschuss einer auf sie misstrauisch herabblickenden Krisendiktatur sind. Die Herabwürdigung des türkischen Vaterlandes, als vergangener Nabel des gewaltigen Osmanlı İmparatorluğu, zur „gottlosen“ Republik, die die Staatswesen der Ungläubigen nachahmt aber unmöglich mit ihnen in Konkurrenz treten vermochte, provozierte eine narzisstische Kränkung in Permanenz. Dieses Phänomen der kleinbürgerlichen Faschisierung lässt sich, wie im deutschen Nationalsozialismus, dadurch charakterisieren, dass es allen anderen voran die vom kapitalistischen Marktversprechen desillusionierten Kopfarbeiter sind, die der Regression verfallen. Der politische Vordenker der türkischen Muslimbrüder, Necmettin Erbakan, folgte schließlich einer durchaus deutschen Tradition. Die Krise ist Erbakan zufolge, der 1953 an einer deutschen Technischen Universität promovierte und bis zu seinem Tod der technischen Detailverliebtheit der Deutschen und ihrer „Ernsthaftigkeit und Organisiertheit“ schmeichelte, der Ökonomie nur äußerlich übergestülpt. Es seien der Zins und die Unmoral, die sie in die Produktion hineintrügen und als Nadelöhr kommunistischer Subversion fungieren. Womöglich ist der Ingenieur auch nur die Ausgeburt des mechanisierten Menschen, den die kapitalistische Produktion hervorgebracht hat und der seine Mechanisierung, seine Enthumanisierung buchstabengetreu nimmt wie der Gottesfürchtige die heilige Schrift. Die von ihm antisemitisch betriebene, falsche Personalisierung ist „der Schatten der Enthumanisierung“ (T. Adorno). Das Schmerzliche, das den Menschen tagtäglich von der irrationalen Organisiertheit der Produktion angetan wird, lügt er um in eine kulturelle Sinnkrise, dem Schleier der Krise des Kapitals.

Die Spaltung der universalen Totalität des Kapitals in eine naturwüchsige Produktionssphäre und eine verschwörerische Spekulationssphäre ist zentrales Element nationalsozialistischer Ideologie. Der kapitalisierten Sozietät, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und innerhalb des selbstzweckhaften Autismus der Verwertung des Wertes rotiert, ist die Idee einer „Magie des Geldes“ (K. Marx, siehe Fußnote 4) und ihrer Personifizierung inhärent. Sie produziert aus sich heraus jenes Anti-Subjekt, wonach sie verlangt, um ihre eigene Negativität auf ein Objekt zu bannen und folglich, wie der Priester den Teufel aus dem Besessenen, auszutreiben. Die „Verdinglichung der Tauschabstraktion im gemünzten Geld“ (A. Sohn-Rethel) tätigt jeder Einzelne in der Realabstraktion, er wird sich damit aber nicht der Sache bewusst, sondern sitzt dem Trug, der in der Form lauert, nur auf, verfällt dem Geldfetisch und ist geradezu von der „Magie des Geldes“ eingenommen. Die antisemitische Figur des Juden muss als Personifikation des Geldes, die die materielle Repräsentanz der Abstraktion ist, auch den fetischisierten Charakter des Geldes inkarnieren: universale Geltung und dämonische Magie.

Der faschistische Agitator Necmettin Erbakan reduziert die irrationale Zweckrationalität des Kapitals auf eine durchtriebene Tarnung, eine mit polizeilicher Akribie zu personifizierende Camouflage. Wie die Grauen Wölfe verzahnt auch Millî Görüs Religion mit Stamm und Anti-Volk, an dessen Negativität sich die eigene Identität einzig noch zu realisieren vermag. Der völkische Mythos, den Erbakan erzählt, ist variabel: Nachdem „unsere Vorväter“ – die türkische Fürstendynastie der Selçuklular, mit der im Jahr 1071 die Türkifizierung Anatoliens begann – die „zionistische Intrige“ der Kreuzzüge aufgehalten habe, so Erbakan, dürfe der Kabbala zufolge „kein souveräner Staat“ in Anatolien existieren. Das Anti-Volk – „Juden“, „Zionisten“, „Freimaurer“ und „Kommunisten“ sind für Erbakan Synonyme ein und derselben fleischgewordenen Verschwörung – hätte alle Völker zu Sklaven gemacht. „Einzig der Islam bleibt gegen sie. (…) Islam sagt, La ilâhe illallah. Wir werden vor niemanden außer vor Allah unser Haupt beugen.“ Erbakan bringt die Shahada herunter auf eine aggressiv antisemitische Feinderklärung. Nähere Ausführungen sind in den Gazetten der Millî Görüş einzusehen, in der Millî Gazete oder Yeni Akit/Anadolu’da Vakit, die Adolf Hitler als Mann mit „Weitblick“ preist und die oppositionelle Halkların Demokratik Partisi als jüdisches Geschöpft denunziert, schließlich sei diese von der Sozialen Ökologie „des russischen Juden“ Murray Bookchin inspiriert.

Die im Jahr 1972 von Erbakan gegründete Millî Selamet Partisi charakterisierte sich selbst als einzige nationale Partei der Türkei. Sie beschwor das tausendjährige Millet, die Nation getragen von dem einen Glauben. Ganz in der Tradition ihrer geistigen Brüder aus Europa verwarf Erbakans „Partei des nationalen Heils“ nicht die Modernisierung als ganzes, sie denunzierte viel mehr die Untergrabung des moralischen Fundaments von Staat und Ökonomie durch eine säkularistische, traditionsfeindliche und „liberale“ Staatsklasse. Ihre Propaganda galt der Industrialisierung mit islamischem Antlitz. Der Parteiengründer Erbakan ähnelt darin mehr Lyndon LaRouche, mit dem Millî Görüş in der europäischen Emigration kollaborierte, oder, noch mehr, Gottfried Feder, dem deutschen Ingenieur der Zinsverteuflung, als den historischen Weggefährten des Propheten. Sein zentraler Ruf - „Wieder eine große Türkei“ - sollte folglich durch religiöse Erbauung der entfremdeten Muslime und einer forcierten Schwerindustrialisierung realisiert werden.

In den 1970er Jahren etablierte sich Millî Görüş als einer der beiden entscheidenden Repräsentanten des türkifizierten Islams in Europa. Wie bei den rivalisierenden Süleymancılar fungierte die europäische Emigration als Brückenschanze für die strategisch verfolgte leise Infiltration der Türkischen Republik. Vor allem die deutschen Moscheen der Millî Görüş fungierten später als Märkte, wo das Ersparte der Gläubigen den berüchtigten anatolischen Holdings zugeführt worden ist, dem ökonomischen Fundament des Erfolges der türkischen Muslimbrüder. Der Familiennachzug ab den frühen 1970er Jahren reizte ihre Fürsorglichkeit gegenüber den Emigrierten weiter an. Die frommen Agitatoren belehrten die autoritätsgläubigen Väter und Mütter vor allem aus dem provinziellen Anatolien über die sündhaften Versuchungen, die ihre Kinder zu entfremden drohten, und etablierten einen eigenen Helal Industriezweig. Im Jahr 1980 kursierte etwa in Berlin-Kreuzberg eine Flugschrift der Millî Görüş in der gegen die schändliche Imitation der Ungläubigen durch junge türkische Frauen gehetzt worden ist: „Schwester, deine Bedeckung ist Befehl unseres Gottes … deine Bedeckung ist unsere Fahne“. Der Körper der Frau wurde zum Ehrengrab der Tugendterroristen, wie es Seyran Ateş im September 1984 am eigenen Leib spüren musste.

Verhetzung in Permanenz sowie Aufrufe zur islamischen Eroberung Europas erschwerten hin und wieder die Funktionalisierung der Millî Görüş durch die deutsche Migrationsverwaltung. So sah sich ihr Funktionär Hasan Özdoğan gezwungen, zu erklären, sie würden fürderhin auf strafwürdige Volksverhetzung verzichten. Alles in allem blieb Millî Görüş ein akzeptiertes Racket des jeweiligen politischen Klüngels. Als im Juni 2000 die IGMG (İslam Toplumu Millî Görüş) zu ihrer Jahreshauptversammlung in das Kölner Müngersdorfer Stadion lud und ihr Gründer Necmettin Erbakan persönlich anreiste, empfingen ihn an die 25.000 Hörigen mit dem Gebrüll „Mücahit Erbakan“. Während Erbakan in der Türkei in jenen Tagen einem absoluten Politikverbot unterlag, beköstigen sich die christdemokratischen Charaktermasken der deutschen Politik nicht zu wenig am Mobilisierungspotenzial des faschistischen Agitators. Das Kölner Stadtoberhaupt Schramma trat als erster Gastredner des Tages auf und schmeichelte der Geschäftstüchtigkeit der türkischen Calvinisten. Die christdemokratische Abgeordnete Heinen-Esser konstatierte, dass Millî Görüş und ihre eigene Partei ähnliche Familienwerte haben.

Der Iran und der Export der Konterrevolution

Neben der Faschisierung der Türkei, die in den 1970er Jahren jener in der Weimarer Republik nahe kam, schlug noch eine weitere Katastrophe ihre Kerbe in den türkischen Islam der Diaspora: die revolutionäre Umwälzung des Irans durch eine Allianz aus klerikalem Agitator und fanatisierter Rotte. Während des Ramadans 1978 – der Shah im Iran wankte – riefen sunnitische Freunde des Ayatollahs Khomeini in einer Kreuzberger Moschee der Millî Görüş offen zur „Islamischen Revolution“ in der Türkei auf. Die klerikale Eroberung des Irans reizte das radikale Potenzial an und provozierte die eine oder andere Spaltung innerhalb von Millî Görüş. Cemalettin Kaplan, der noch 1977 in der Türkei für die MSP Erbakans kandidierte und dem von diesem dann die religiöse Erbauung der Türken in der deutschen Emigration übertragen worden ist, verließ Millî Görüş und entzog ihr als „Ayatollah von Köln“ den Zugriff auf eine nicht geringe Anzahl von Moscheen und Gläubigen. Kaplan verachtete den von Erbakan empfohlenen Marsch durch die Institutionen. Im Islam, so der Imam, habe nur eine Partei zu existieren, die „Partei Allahs“. Inspiriert von der khomeinistischen Revolution propagierte er die Erhebung der Hoca, der Gelehrten in Schrift und Gebet, mit Blick auf ein kommendes Kalifat.

Eben jener khomeinistische Iran, der den blutrünstigsten Agitatoren der Millî Görüş wider aller konfessioneller Verschiedenheit eine dunkle Inspiration war, ist ein weiterer entscheidender Protagonist der deutschen Kumpanei mit dem politischen Islam. Dem Iran der Ayatollahs zu Ehren laden die Charakterfratzen der deutschen Politik zum Iftar-Bankett in die Villa Borsig – ganz nebenbei benannt nach dem Finanzier der antisemitischen Brigade Ehrhardt sowie des Antibolschewistenfonds. Und den ideologischen Agenturen des „Stabilitätsankers“ (Irans Staatspräsident Rouhani) finanzieren deutsche Ministerien Präventionsseminare gegen „extremistische“ Umtriebe. Der Iran revanchiert sich wie am 5. Juli als es unter anderen Marian Schuegraf, Chargée d’affaires der deutschen Repräsentanz in Teheran, zu einer Führung durch die Folterhölle Evin lud. Bei einem kühlen Getränk und Gebäck erfuhren die geladenen Gäste von der Resozialisierung der Inhaftierten. Regimekritiker im Iran, die die geladenen Gäste nicht zu sehen bekamen, skizzieren dagegen ihre Arrestzellen in Evin als Särge und exakt das sind sie nicht allein aufgrund ihrer Größe. In ihnen soll jede Dissidenz, jede Kritik verstummen. Selbst von dem Dahinsterben soll nicht erzählt werden. Zahra Kazemi wurde im Jahr 2003 zu Tode gefoltert, allein weil sie von außen das in der nördlichsten Peripherie Teherans gelegene Zendān Evin, diese Fabrik sadistischer Qualen, fotografiert hat.

Im Iran ist die im Jahr 1979 totalitär aufgezwungene Islamisierung darin gescheitert, aus den Iranern eine einzige „Partei Allahs“ zu machen, die Hezbollah, wie sie Ayatollah Khomeini noch beschwor. Von jeder europäischen Delegation zum Zwecke des „kritischen Dialoges“, inklusive zuvorkommender Haarbedeckung der weiblichen Mitreisenden, bekommen die iranischen Kleriker mehr Hochachtung entgegengebracht als von der iranischen Jugend in Teheran oder Isfahan. Die Begründung, man stärke mit dem gepflegten „kritischen Dialog“ die Reformer gegenüber den Fundamentalisten, ist das Alibi der Komplizen. Aus der Zunahme des Auftragsvolumens für die deutsche oder französische Industrie folgt nicht eine Abnahme der Hinrichtungen – allerhöchstens, wie unter Mohammed Khatami, ein Moratorium über ihre bestialischste Variante, die Steinigung. Noch ignoranter ist es, diese Kumpanei damit zu legitimieren, dass Millionen von regimekritisch gesinnten Iranern den Kleriker Hassan Rouhani zum Staatspräsidenten gemacht hätten. Der als „Reformer“ geltende Rouhani ist nur das zartere Antlitz ein und desselben Bestie, die mild lächelnde Charaktermaske der iranisch-europäischen Kollaboration, die im beidseitigen Kalkül liegt. Was den Fürsprechern des „kritischen Dialoges“ ein Moment demokratischer Teilhabe ist, haben scharfsinnige iranische Oppositionelle als Erpressung längst entlarvt, als taktisches Manöver des Revolutionsführers Ali Khamenei. Der Kandidat der ultrakonservativen „Prinzipalisten“, Ebrahim Raisi, war demnach nur der Scheinkandidat von Khamenei, die fromme Drohung, mit der die vom Regime entfremdeten Iraner an das Urnengrab gezwungen wurden. Ein um sich greifender Boykott hätte nicht nur das Selbstbild der „Islamischen Republik“ als in sich einige Nation blamiert. In der Rivalität mit dem saudischen Riad kann es folgenreich sein, wenn es zu offensichtlich wird, dass der Zugriff auf das eigene Menschenmaterial einzig noch repressiv erfolgt. Es muss wenigstens noch der Anschein bemüht werden, dass die Iraner dem Befehl an die Urne zutreten nachkommen, um als „Stabilitätsanker“ die Verhandlungsposition gegenüber Europäern und US-Amerikanern zu halten.

Jede Frau, bei der allein eine einzige weitere unverdeckte Haarsträhne Repression zu provozieren vermag, weiß, dass es im Iran noch schlimmer werden kann und noch die beschädigste Freiheit eine ist, die man vermisst, sobald auch diese einem genommen ist. Dies ist der Unterschied zwischen jenen Iranern, die auf den Straßen erleichtert und nicht gelegentlich ohne Haarverschleierung sich darüber gefreut haben, dass nicht auch noch das repräsentative Amt des Staatspräsidenten direkt an eine der blutrünstigsten Figuren der Islamischen Republik übergangen ist, und jenen Europäern, die darin die Absolution für ihre Kumpanei sehen. Ebrahim Raisi war im Jahr 1988 einer der vier Exekutoren jener Todeskommission, die den Mordbefehl von Ayatollah Khomeini – „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität. Zögern heißt das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren“ – gnadenlos an mehr als 4.000 inhaftierten Oppositionellen in Evin und Gohardasht ausführten. Sie organisierten die Selektion der Inhaftierten, über deren Tode Verhöre entschieden. Raisi ist heute Treuhänder der mächtigen Astan-Quds-Razavi-Stiftung, die um das Mausoleum von Imam Reza in Mashad einen der größten Industriekomplexe des Irans begründet hat. Mostafa Pour-Mohammadi, ein weiterer Exekutor der Todeskommission, ist unter Hassan Rouhani Justizminister. Als im November 2016 Ayatollah Mousavi Ardebili, der Vorsitzende der iranischen Hinrichtungsjustiz in jenen Jahren, verstarb, schrieb die deutsche Gesandtin Marian Schuegraf in einem Kondolenzbrief von dem „großen Verlust für das kulturelle Erbe der Islamischen Republik“. Sie sind Bluthunde unter dem Schleier des Kulturdialoges. In Hamburg-Uhlenhorst residiert übrigens der Ayatollah Reza Ramezani als offizieller Stellvertreter des Revolutionsführers Ali Khamenei. Während einer Tagung mit schiitischen Klerikern im libanesischen Beirut am 18. Juli beschrieb Ramezani, dass das von ihm geführte IZH, ein Vertragspartner der Stadt Hamburg, sich in seinen Tätigkeiten darauf konzentriere, die konfessionell zerstrittenen Muslime auf die Einheit gegen Israel, der Anti-Nation, einzuschwören.

Die freiheitsliebenden Menschen im Iran dagegen können sich einzig im Schatten der Ausbalancierung der Rivalitäten zwischen den Staatsrackets auf die Straße trauen – um dort Slogan erheben, die weniger der Verehrung von Rouhani als der Verachtung des Regimes gelten: „Freiheit für alle politischen Inhaftierten“ und „Nieder mit den Repressionsschergen“ (5). Die europäische Kollaborationspolitik macht aus diesem Dilemma den legitimatorischen Kitt ihres Appeasement.

Der Überlebenskampf der säkularen Türkei

Anders als der revolutionäre Iran konnte Millî Görüş den türkischen Staat nur erobern, indem sie den Wolf ins Schafspelz gezwungen hat. Nachdem im Juni 2001 auch die Fazilet Partisi, die „Tugendpartei“ Erbakans, durch das türkische Verfassungsgericht gebannt worden war, gründeten Erdoğan und andere die AK Parti als propagierte Volkspartei politischer Reformen und ökonomischer Prosperität. Bis zu seinem Tod denunzierte Erbakan nunmehr seine Schüler als zionistische Abtrünnige. Die Saadet Partisi, die „Partei der Glückseligkeit“, die von sich behauptet allein das Erbe Erbakans zu bewahren, dümpelt inzwischen bei 0,68 Prozent dahin; ihr heutiger Vorsitzender Temel Karamollaoğlu war es, der am 2. Juli 1993 im zentralanatolischen Sivas eine frömmelnde Rotte zum antialevitischen Pogrom aufpeitschte. Erfolgreicher ist ihre Benefizunternehmung, die İHH İnsani Yardım Vakfı, eine islamistische Charité, die in den Steppen der kapitalistischen Universalität als missionarisches Staatssurrogat auftritt, vor allem in Afrika, wo die İHH in Burkina Faso kürzlich das „Malcolm X Gymnasium“ zur „Heranziehung einer neuen Generation“ gegründet hat. Für Vorbilder hält die İHH Şamil Basayev, den Blutsäufer von Beslan, Ahmet Yasin, die geistige Eminenz der Hamas, und natürlich Necmettin Erbakan.

Die Islamisierung erfolgt in der Türkei nicht über theologische Strenge, mit der die İHH in Burkina Faso und anderswo den ihr ausgehändigten Mädchen begegnet, die im „Malcolm X Gymnasium“ ausnahmslos dem streng geschnürten Hijab unterworfen sind. Viele islamische Rechtsbelehrungen des Diyanets – wie etwa, dass verlobte Pärchen es unterlassen sollten, in der Öffentlichkeit die Hand des anderen zu halten – blieben in der Türkei bislang die Absurditäten, die sie sind – außer in den anatolischen Dörfern, wo die Familienbande über die Keuschheit der Frauen wacht, sowie in den vielen anatolischen Dörfern innerhalb der Städte. Selbst in den höheren Parteistrukturen der AK Parti – und im Polizeiapparat sowieso – findet sich weiterhin die äußerliche Erscheinung des modernen, von Mustafa Kemals geforderten Frauentyps noch häufiger als züchtig bedeckte Frauen. Die Säkularisierung der Türkei – wenn auch eine beschädigte – ist zu weit vorangeschritten als dass ein klerikaler Frontalangriff auf das Erbe Mustafa Kemals, wie im Jahr 1979 im Iran auf die Restbestände der Modernisierungsdiktatur, anderes zu Folge haben könnte als eine existenzielle Staatskrise. So zögert bis heute die AK Parti, das Gebot zur Laizität aus der türkischen Verfassung herauszunehmen, wie es der Präsident der Nationalversammlung Ismail Kahraman, ein Veteran der Millî Görüş unlängst gefordert hat. Und doch ist der säkulare Charakter der Türkei ein Schein. Die Islamisierung der Türkei erfolgt über die aggressive Verschmelzung von Religion mit der nationalchauvinistischen Kontinuität in der Republik und der Rachsucht an den Abtrünnigen der nationalen Einheit: Tek millet, tek bayrak, tek vatan, tek devlet („Eine im Glauben geeinte Nation, eine Flagge, ein Vaterland, ein Staat“), verfleischlicht in der Führerfigur Recep Tayyip, das ist die nationalisierte Shahada der türkischen Muslimbrüder. Wer hinter der blutroten Flagge nicht stramm steht, gilt als Apostat, gehetzt von Justiz und der Rotte im feinen Zwirn. Am Jahrestag des „15. Juli“, der inzwischen als „Tag der Demokratie, der Märtyrer und nationalen Einheit“ fungiert, drohte der islamistische Agitator in Amtswürden, Ismail Kahraman, dass sie diejenigen, die diese türkische Bezeugung auf Nation und Gebetsruf als „unsere Ehre, unsere Würde“ angreifen, „die Hände brechen, die Zunge abschneiden, ihr Leben vernichten“ werden. Staatspräsident Erdoğan favorisiert das Herausreißen der Köpfe der Vaterlandsverräter. Seit längerem kursieren Snuff-Videosequenzen, auf denen türkische Soldaten diese Hinrichtungsmethoden an kurdischen Abtrünnigen ausführen.

In dieser Atmosphäre nationalistischer Verrohung gilt als Freiwild, wer aus dem Millet gläubiger Patrioten exkommuniziert wird. Jene Universitätsdozenten etwa, die einem antimilitaristischen Aufruf ihre Unterschrift liehen und denen der Staatspräsident höchstpersönlich seine Todesgrüße überbrachte: „Ihr seid keine Intellektuellen, ihr seid ignorant und dunkel, ihr wisst nichts über den Osten oder den Südosten. Wir kennen diese Region so gut wie eure Wohnadressen.“ Manche von ihnen sind inzwischen ins deutsche Exil geflüchtet – und nicht allen von ihnen ist Asyl garantiert.

Die Republik ist abgrundtief gespalten. Manches Mahalle in Istanbul erinnert mehr an Islamabad oder Kairo, während in Beşiktaş und anderswo junge Menschen freier leben als manch einer in Europa. In den zentralanatolischen Provinzen sowie den kleinbürgerlichen sunnitischen Dörfern innerhalb von Istanbul und Ankara gelten Pogromaufhetzer wie der inzwischen verstorbene Muhsin Yazıcıoğlu und natürlich ihr Führer Recep Tayyip als Helden. Hier herrscht Staatsgläubigkeit sowie der Hass auf jene, die nicht hinter der einen Flagge strammstehen. Doch der Graben verläuft nicht einzig entlang geografischer Marken. Während am 8. März wider das Demonstrationsverbot abertausende von Frauen die berühmte İstiklal Caddesi in Istanbul für einen Moment unter Slogans wie „Nicht fürchten, nicht gehorchen“ und „Frau - Leben – Freiheit“ eroberten, könnte es Tage später wieder die Rotte sein, die droht, einen säkularen Distrikt Istanbuls zu einem „armenischen Gräberfeld“ zu machen, oder dem Vaterland das eigene Leben zu opfern. Ganz zum Ende des Fastenmonats Ramazan entgingen hunderte Menschen dem Demonstrationsverbot des Gay Pride sowie den Drohungen homophober Männerbünde und trafen sich in den zur İstiklal Caddesi angrenzenden Straßen unter Slogans wie „Liebe, Liebe, Freiheit; fern von Hass“ – bis die Tränengasgranaten der Polizei auch sie zur Flucht zwangen. Noch ist Istanbul für viele Homosexuelle aus dem Iran und Syrien ein Refugium, das vor dem gefürchteten türkisch-griechischen Toten Meer für Geflüchtete liegt.

Und auch die Universitäten, seit Anbeginn der Republik umkämpft, sind noch nicht gänzlich aufgegebenes Terrain. Inzwischen gefürchtet sind die Verabschiedungen der Absolventen. Während der Ansprachen der durch Dekret vom Staatspräsidenten ernannten Universitätsrektoren wenden sich die Graduierten von diesen ab und protestieren, wie vor wenigen Tagen an der renommierten ODTÜ in Ankara, mit Bannern wie „Die Wissenschaft braucht den, der ihr nicht gehorcht hat“ (Adorno). Wie am Ramazan dieses Jahres kommt es aber auch zu blutigen Konfrontationen. Um die hundert junge Männer attackierten unter dem Gebrüll „Allahu Ekber“ mit Wurfgeschossen eine Cafeteria auf dem Cebeci Campus der Universität Ankara, in der tagsüber junge Menschen aßen und tranken. Die Bedrängten halfen sich mit Barrikaden, und verunmöglichten damit, dass die Männer, unter denen einige mit dem Wolfsgruß drohten, in die Cafeteria einfielen. Der Slogan der Bedrängten, den sie den Aggressoren verzweifelt entgegenbrüllten: „Cebeci wird das Grab des Faschismus sein“, endete schließlich in Polizeihaft für die Verfolgten.

Wer von diesem tagtäglichen Widerstand gegen die Faschisierung der Türkei nicht sprechen will, sollte auch von der Islamisierung schweigen. Er macht sich einzig zum Chronisten einer Katastrophe, die schlussendlich als Naturzwang über die Türkei hereinzubrechen scheint. Längst ist noch nicht alles entschieden. Nachdem die türkische Justiz sich mit Enis Berberoğlu an dem ersten Abgeordneten der traditionslaizistischen Cumhuriyet Halk Partisi gerächt hat und für ihn eine Haftstrafe ausgesprochen hatte, welche in ihrer Höhe von 25 Jahren einzig zuvor für die „Abtrünnigen“ der Halkların Demokratik Partisi zu erwarten war, rief der Parteivorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu der historischen Partei Mustafa Kemals zu einem „Gerechtigkeitsmarsch“ (Adalet Yürüyüsü) unter seiner Führung von Ankara nach Istanbul auf. Der Abgeordnete Berberoğlu zog den Zorn des Souveräns auf sich, nachdem er an die oppositionelle Gazette Cumhuriyet brisante Informationen über die generöse logistische Flanke der türkischen Muslimbrüder für syrische Mujahidin weitergegeben hatte. Um zu Fuß von Ankara nach Istanbul zu kommen, musste der Marsch zunächst durch die Provinzen Bolu, Düzce und Sakarya, dem Stammland Grauer und Grüner Wölfe, führen. Auf Dörfer, in denen die Republik einzig als Kaserne angekommen zu sein scheint, folgen kleinbürgerliche Kreisstädte, in denen Tristesse herrscht und der Hass auf jene, die auch nur irgendwie an dem Glauben an den imperialen Glanz der Türkei zu rütteln drohen. Erdoğan verglich die Marschierer mit den Verschwörern des 15. Juli, dem Inbegriff des nationalen Verrats. Sein Ministerpräsident Binali Yıldırım pflichtete ihm bei: „Diejenigen, die an diesem Tag (dem 15. Juli) nicht auf die Straße gegangen sind, marschieren nun von Ankara nach Istanbul“. Auch Devlet Bahçeli, Parteivorsitzender der MHP, identifizierte den Marsch als verräterische Flanke für FETÖ, jenem Akronym für den organisierten Staatsfeind. Zugleich garantierte die Polizei, die die Marschierenden vom ersten Tag an Geleit bot, dass die symbolischen Drohungen Grüner und Grauer Wölfe, wie etwa entlang der Marschroute gestreute Bleikugeln, nicht realisiert werden konnten. Hätten die Apostaten der HDP diesen Marsch angeführt, er wäre in Blut ertrunken. Dagegen fürchtet Erdoğan eine als Opposition sich radikalisierende CHP als Erbin Mustafa Kemals dann doch zu sehr, als dass er hätte zulassen können, dass ihr Parteivorsitzende Kılıçdaroğlu zu einem Gegen-Märtyrer wird. So kamen Kılıçdaroğlu und seine Weggefährten nach 450 gegangenen Kilometern unbeschadet in Istanbul an, empfangen von weit mehr als einer Million Menschen. Auch eine Delegation der kriminalisierten HDP mit jenen noch nicht inhaftierten Abgeordneten schritten die Marschroute für einen Tag mit, sowie die Cumartesi Anneleri, eine Vereinigung von Müttern kurdischer „Verschwundener“ aus den bleiernsten Jahren der Konterguerilla. Entscheidend für eine organisierte Opposition wird sein, dass die Traditionslaizisten diese ausgestreckte Hand entgegennehmen (6).

Hätte das türkische Regime die deutschen Abgeordneten nicht daran gehindert, zur Incirlik Air Base zu kommen, und hätte Erdoğan sich nicht so grobschlächtig am antifaschistischen Selbstbild der Deutschen vergangen, es wäre nicht daran zu denken, in welch schöne Worte die deutsch-türkische Kumpanei heute gehüllt sein könnte. Womöglich wäre die deutsche Repräsentanz in Ankara morgen in Silivri zu Çay und Gebäck geladen, dort wo neben der kurdischen Abgeordneten Meral Danış Beştaş, den Brüdern Altan und dem Investigativjournalisten Ahmet Şık auch Deniz Yücel inhaftiert ist. Derzeitiger Gipfel des deutschen „Wir können nicht anders...“-Rüffels an der Türkei, dem guten Gewissen der Kollaborateure, ist die Notiz des Auswärtigen Amtes, worüber seit Wochen doch jeder Bescheid weiß, dass das Risiko besteht, auch als Deutscher in der Türkei verhaftet zu werden. Die Notiz gilt übrigens einzig für Deutsche. Der deutsche Apparat verweigert nicht nur weiter manch einem Oppositionellen aus der Türkei ein sicheres Exil. Er legitimiert auch Verfolgung bei drohender Abschiebung. So scheitern etwa türkeistämmige Volontäre der YPG/YPJ, nunmehr Alliierte der US-Amerikaner bei der Befreiung von Rakka, mit der Anerkennung ihrer Fluchtgründe an der ganz konkreten deutschen Flanke für die türkische Staatsfront und gegen die kurdischen Abtrünnigen. Repressionen, die „demjenigen gelten, der ... sich terroristisch betätigt“, seien, so der Ablehnungsbescheid eines antifaschistischen Volontärs, „nicht flüchtlingsschutzrelevant“.

Allein die Sprache verrät die Kollaborateure. Was sich als Kritik an der Diktatur schmückt, ist einzig und allein die Drohung, sich nicht an deutschen Interessen zu vergehen. Deniz Yücel, Meşale Tolu und alle anderen wären aufgegeben, hätte das türkische Regime nicht auch noch das „völlig unbescholtene“ (S. Gabriel) deutsche Kapital in seine repressiv ausgetragenen Fehden hineingezogen. Die Androhung Gabriels, die Hermesdeckungen, also die staatlichen Exportkreditgarantien für das Türkei-Geschäft zu überdenken, haben die türkischen Muslimbrüder inzwischen verstanden. Die aberwitzige Anfrage an das BKA, Informationen zu verdächtigten deutschen Firmen ausgehändigt zu bekommen, zog Ankara „förmlich“ zurück. Nicht Daimler und Co. seien in Verdacht, so die Ausflucht, einzig einige ihrer türkischen Partner seien verstrickt in das rivalisierende Cemaat von Fethullah Gülen.

Der organisierte Islam als Unter-Souverän

Die deutsche Migrationsverwaltung ist die innenpolitische Reproduktion der Kollaboration mit dem Iran der Ayatollahs und der Türkei der Grünen und Grauen Wölfe. Ihr interreligiöses und multikulturelles Antlitz verdeckt einzig die Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, die herrschen. Das gilt für die Agenturen des khomeinistischen Irans als auch für Millî Görüş sowie den verlängerten Flügelschlag Erdoğans, die DİTİB. Dass letztere als exterritorialer Unter-Souverän des türkischen Souveräns auftritt, authentifiziert sie auch im deutschen Ordnungskalkül, für die türkische Diaspora zu sprechen. Einzig, dass DİTİB Zweifel an ihrer doppelten Staatsloyalität aufkommen lässt (Spionage-Affäre u. ä.), provoziert Mißbehagen. Denn die deutschen Filialen des türkischen Staates als auch der Islamischen Republik Iran sind staatstragend im doppelten Sinne, sie sind beiderseits zur Staatsloyalität angehalten - und darin liegt auch begründet, dass das Diyanet die „gläubigen Brüder“ aufruft, sich nicht provozieren zu lassen, oder der Iran seit 1993 der Hinrichtung exilierter Oppositioneller in Europa entsagt.

Einzig in der perfiden Logik der Agitation, die religiöse Selbsterhöhung zu steigern und zugleich die Aufgehetzten zur Disziplin zu ermahnen, liegt das „anti-extremistische“ Potenzial der DİTİB und anderer begründet, an das sich auch die deutsche Integrationspolitik krallt. Das Bedrohungsszenario, mit dem der organisierte Islam sich als Ordnungsgarant aufzwingt und die Politik ihre Kollaboration legitimiert, wartet mit der Zersprengung der Muslime in einen klandestinen Sumpf aus Schläfern und konspirativen Moscheen auf. Dabei sind es die Agitatoren und Funktionäre des organisierten Staatsislams türkischer, iranischer oder anderweitiger Provenienz von denen jene Saat der Unmündigkeit und Opfermythen gepflanzt wird, aus der auch der eliminatorische Hass der Freunde des Kalifats keimt. Kritik an der Förderung organisierter Faschisten wie der IGMG, DİTİB oder ATİB durch säkulare Migranten haftet an, querulatorisch zu sein. Wie sagte, Schramma, der Kölner Patron der Millî Görüş, angesichts einer solchen Kritik durch die Alevitische Gemeinde: der interreligiöse Dialog ist ein „zartes Pflänzchen“. Das Standardprogramm dieser „anti-extremistischen“ Allianz mit den nationalislamistischen Großverbänden ist ihrem Wesen nach ein kulturalistisches: dass „muslimische Jugendliche in ihrer eigenen Identität gestärkt werden und entsprechend theologisch-fundiertes Wissen über den Islam erlangen“, heißt es etwa zur Zielvorstellung einer Kooperation zwischen dem Berliner Familienministerium und der DİTİB-Jugend.

Die deutsche Kollaboration mit DİTİB und anderen hat wie selbstverständlich ihre Kehrseite: die Repression gegenüber den Kritikern der türkischen Ideologie. Während von Thomas De Maizière bis Steffen Seibert bedauert wird, dass die ideologische Agentur der türkischen Muslimbrüder nicht zum Kölner Friedensmarsch aufruft, prügeln im selbigen Moment deutsche Polizisten in Berlin das Symbolverbot jener Organisationen durch, die in diesen Tagen Rakka vom „Islamischen Staat“ befreien. Der Bann durch De Maizière, Symbole der antifaschistischen YPG/YPJ sowie von deren Ursprungspartei PYD zu tragen, ist ein Skandal, der als ein solcher denunziert ausblieb. Nicht einzig mit dem Symbolverbot machen sich die Charakterfratzen der deutschen Politik zu Kollaborateuren jener türkischen Totengräber der einzig konkreten säkularen Hoffnung für Syrien. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan drohte unlängst während seiner Ansprache zum Ende des Fastenmonats Ramazan, man werde in Syrien kein terroristisches Staatswesen zulassen. Er meinte damit weder das von Bashar al-Assad noch die Warlord-Emirate von al-Qaida und ihren rivalisierenden Derivaten wie Ahrar al-Sham in der syrischen Provinz Idlib, direkt an der türkisch-syrischen Grenze. Jahrelang erduldete die Türkei sanftmütig die Existenz des „Islamischen Staates“ an ihrer Grenze sowie die Schleusung der „Soldaten des Kalifats“ über türkisches Territorium. Indessen terrorisiert seit Monaten die türkische Artillerie Afrin, den isolierten westlichsten Kanton Rojavas. Befürchtet wird ein Einmarsch türkischen Militärs, der auch für Rakka fatale Konsequenzen hätte. Dem Oberbefehl bei der Militäroperation zur Befreiung von Rakka hat übrigens eine Frau – militärhistorisch eine Revolution für sich –, die davon spricht, dass diese auch in der Befreiung von der traditionellen Unterjochung der Frau bestehen muss. Auch das Symbol ihrer YPJ (Yekîneyên Parastina Jin), jenen Brigaden zur Selbstverteidigung der Frauen, fällt unter das Berliner Verbot, während an manchen Berliner Grundschulen weiterhin die Islamische Föderation aus dem Hause Millî Görüş unterrichtet (7).

Während auch so mancher Ideologiekritiker seine Ohnmacht in der Identifikation mit dem Staat ertränkt, das heißt konkret in der Forderung nach Repressionen gegenüber Flüchtenden, wiederholt sich tagtäglich von Kobanê bis nach Rakka die Katastrophe, dass junge Frauen und Männer um ihr Leben und Glück gebracht werden, in einem Kampf gegen den organisierten Tod, den sie ausdrücklich vor allem auch führen, um den Femizid zu beenden. Und während manch einer geistreiche Slogans für die AfD ausformuliert – „Ein Muslime ist besser als zehn“ und ähnliches – findet sich nirgends die Scham darüber, dass es selbst in kleineren Städten wie Dinslaken oder Mönchengladbach nicht gelungen ist – und auch nie gründlich überlegt war –, mit einer überregionalen antifaschistischen Organisierung Freunde des Todes daran zu hindern, nach Syrien und in den Irak auszureisen, um dort als Suizidbestien Menschen mit in den Tod zu reißen. Wo manch einer eine perfide Strategie zur Untergrabung der nationalen Souveränität aufspürt, ist dieses Europa viel mehr dazu verdammt, die archaische Hölle anderswo in seinen eigenen perfiden Varianten zu reproduzieren - ohne mit ihr in eins zu fallen. Während die Türkei im Interesse vor allem des deutschen Europas ihre Grenze zu Syrien für Flüchtende gesperrt hat – nicht aber für türkische Panzergefährte und alliierte Mujahidin –, warten auf jene, die zuvor noch in die Türkei gelangt sind, nicht einzig die Launen der Natur. Westlich des Toten Meeres für Geflüchtete ist mancherorts die polizeiliche Grenzsicherung eng verzahnt mit paramilitärischen und faschistischen Rotten. Wie etwa in der Gemeinde Ásotthalom unweit der ungarisch-serbischen Grenze, wo das Gemeindeoberhaupt László Toroczkai, ein einschlägiger Antisemit und völkischer Agitator, militante Feldwachen gegen Flüchtende organisiert. Oder in Bulgarien, wo neofaschistische Milizionäre ezidische Geflüchtete, dem „Islamischen Staat“ knapp entkommen, zu Tode prügeln.

Vor islamistischer Verfolgung Geflüchtete sind nicht nur im Exil weiterhin mit ihren Häschern konfrontiert. Der ganze strapaziöse Prozess ihrer Asylanerkennung, falls diese überhaupt erfolgt, erinnert sie nicht nur daran, dass der Unterschied zwischen kapitalproduktiver Funktionalisierung und Verüberflüssigung der Menschen darin liegt, mit einem politischen Souverän identifiziert zu sein, der für die Menschen noch anderswo Sinn stiftet als in Kaserne und Madrasa. Wenn bei Asylanhörungen homosexuelle Geflüchtete mit den intimsten Verhörfragen bedrängt werden, als wenn ein homosexueller Syrer oder Iraker die kulturalistische Vorstellungskraft der bürokratischen Entscheider über Leben und Tod ausreizen würde, befindet sich die deutsche Asylpraxis in stiller Einigkeit etwa mit dem tschetschenischen Schwulenmörder Ramzan Kadryov, der verhöhnend von sich gibt, dass keine tschetschenischen Schwulen existieren, nur ehrenlose Asylerschleicher, die sich als solche ausgeben. In Tschechien wurden noch vor einigen Jahren Geflüchtete mit heterosexueller Pornografie konfrontiert und dabei der Blutfluss zum Penis gemessen, um zu garantieren, dass die Geflüchteten nicht über ihre Sexualität täuschen. Der deutsche Apparat der Inhumanität riet bislang selbst noch Homosexuellen aus dem Iran, eine sittengerechte Fassade zu bewahren, um bei angedrohter Abschiebung Verfolgung zu entgehen. Denn schließlich müsse die Sexualität nicht ausgelebt werden, so die perfide Logik des deutschen Apparates.


(1) Süleyman Efendi stand im regen Austausch mit Cevat Rıfat Atilhan, jenem fanatischen Judenhasser, der Ende 1933 auf Einladung Julius Streichers nach München reiste und später mit Milli İnkılap („Nationale Revolution“) eine türkische Variante des „Stürmers“ gründete.
(2) Unter den 375 Kandidaten der MSP Erbakans für die Nationalversammlung im Jahr 1973 waren allein 83 Ingenieure. 57 weitere Kandidaten waren Juristen. Wie die ägyptischen Muslimbrüder kann die MSP als „Partei der Ingenieure“ gelten.
(3) Als Kotku am 13. November 1980 verstarb, sprach ein anderer Şeyh das Totengebet: Mahmut Ustaosmanoğlu, Imam des İsmail Ağa Cemaat, einem fundamentalistischen Tarikat, das aus dem Mahalle Çarşamba ein kleines Talibanistan mitten in Istanbul gemacht hat. Aus der Gemeinde ist auch der berüchtigte Imam in traditioneller Robe, „Cübbeli“ Ahmet Hoca. Als Kassettenprediger war er jahrelang eine nationale Spottfigur. Seine Tugendpredigen nahmen einzig seine Glaubensbrüder und die strenglaizistische Justiz beim Wort. Das sollte sich unter den Muslimbrüdern Erdoğans nach und nach ändern. Während des nach faschistischer Machart inszenierten Spektakels der Staatsfront auf dem Yenikapı Meydanı zur Ehrung der Märtyrer des 15. Juni schüttelten sich der unverhohlen antilaizistische Prediger Ahmet Hoca in traditioneller Robe und der ranghöchste General der türkischen Armee in kokardengeschmückter Uniform, Hulusi Akar, lächelnd die Hände. Ahmet Hoca hält es für eine religiöse Pflicht der Muslime, Erdoğan gegenüber hörig zu sein.
(4) Weil die zur Subjektform gedrängten Menschen den irren Selbstläufer der Verwertung des Wertes nicht als Fleisch vom Fleische wiedererkennen, sie vor sich selbst zu Tode erschrecken würden, können sie den herrschenden Irrationalismus des Kapitals selber nur irrational reflektieren und in der Konsequenz reproduzieren. Der soziale Nexus tritt ihnen doppelt entgegen: einerseits konkret, als Gebrauchswerte in ihrer Nützlichkeit, andererseits abstrakt, wobei dieses Abstrakte sich wieder konkretisiert, als Geld, d. h. die abstrakte Seite der Ware drückt sich an einer anderen Ware, dem Geld, aus. Zum einen ist ihnen das Geld nur das Medium für einen außer ihm existierenden Zweck: einer Begierde, der durch den Kauf eines nützlichen Dings nachgekommen wird. Zum anderen – und noch im selbem Moment - ist das Geld sich selbst alleiniger Zweck. Geld heißt, mit Marx gesagt, seinen eigenen sozialen Nexus im Säckel mit sich zu tragen.
(5) Infolge der Entscheidung für Rouhani als Staatspräsidenten riefen Menschen auf der Straße etwa Slogans für Atena Daemi. Sie ist in Evin inhaftiert und wird beschuldigt, „Propaganda gegen den Staat“ gemacht und den „Obersten Führer“, Ali Khamenei, beleidigt zu haben. Auf Facebook hatte sie gegen den Verschleierungszwang angeschrieben.
(6) In der historischen Partei Mustafa Kemals gibt es neben bornierten Nationalisten durchaus auch sympathische Politiker, die mit der nationalen Dogmatik – Genozidleugnung und der Türkisierung als Glücksversprechung: „Glücklich, derjenige, der sich Türke nennt“ – gebrochen haben, Abgeordnete wie Selina Doğan, Sezgin Tanrıkulu, Erdal Aksünger und Hüseyin Aygün.
(7) In Berlin werden voraussichtlich ab dem Wintersemester 2018/19 deutschsprachige Imame und Religionslehrer an der Humboldt-Universität ausgebildet. Das hierfür gegründete Institut für islamische Theologie wird der DİTİB, der IFB aus dem Hause Millî Görüş, der VIKZ der Süleymancılar, dem ZdM (einer seiner größten Mitgliedsverbände, ATİB, ist aus dem Dunstkreis der Grauen Wölfe) sowie der IGS, der theologischen Agentur des klerikalfaschistischen Irans, überlassen. 

Donnerstag, 8. Juni 2017

Von Molenbeek nach Rakka - eine weitere Unternehmung, die Katastrophen in Syrien, der Türkei und Europa in Konstellation zu bringen


„Sie haben Wind gesät und einen Sturm geerntet“, verhöhnt die türkische Gazette Yeni Akit die Toten von Manchester, deren einzige Schuld es war, von ihren Mördern damit identifiziert zu werden, was sie auszurotten drohen: die Liebe zum Leben. Der Schuldspruch, den Yeni Akit und andere Einpeitscher Erdoğans über die Toten sprechen, beschwört ein feindseliges Europa, das die Feinde der großen Türkei nährt. Dieselbe Gazette von Hasspredigern im Staatsauftrag schrieb beim Massaker in der Diskothek „Pulse“ im US-amerikanischen Orlando nicht ohne Freude vom Tod „perverser“ Homosexueller.

Dass es ganz anders ist, dass nämlich das Europa der Kumpanei noch jede türkische Provokation geduldig erträgt, erzählten die Tage nach dem erzwungenen „Ja“ zum Ermächtigungsgesetz Erdoğans. „Hırsız - Yandaş – YSK“ (Räuber - Gleichgeschalteter - YSK), dröhnte es in derselben Intonation wie die Hymne für den Führer „Recep - Tayyip – Erdoğan“ tagelang durch die Straßen von Beşiktaş und anderswo in Istanbul und Ankara. Die YSK ist laut türkischer Verfassung die höchste Institution der Wahlaufsicht, sie besteht aus einigen jener opportunen Juristen, die bei den systematischen Amtsenthebungen der vergangenen Jahre im Justizapparat übergeblieben sind. Am Abend des 16. April entschied ihr Vorsitzender willkürlich, mit bis zu 2,5 Millionen ungestempelten Wahlzettelumschlägen aus einem „Nein“ für das Ermächtigungsgesetz noch ein knappes „Ja“ zu machen. Tagelang hielten die Proteste gegen die erzwungene Perpetuierung der Präsidialdiktatur auf formaljuristischem Pfade an. Verhaftungen von inkriminierten „Rädelsführern“ und die konkrete Drohung des Repressionsapparates, die Proteste als Nachbeben des 15. Juli verstehen zu wollen, zermürbten schließlich auch die Mutigsten. Die Europäer, allen voran die Deutschen, saßen die Vertrauenskrise in den Führer geduldig aus. Genauso wie sie die Vorgänge nach dem niedergeschlagenen Militärcoup am 15. Juli des vergangenen Jahres aussaßen, von dem man inzwischen weiß, dass er unter der Kontrolle des Regimes ablief. Ende April schließlich erklärte Federica Mogherini im Namen aller Anderen, die Europäische Union respektiere das manipulierte „Evet“.

Die Proteste waren noch nicht ganz verstummt, da attackierten in der Nacht vom 24. auf den 25. April türkische F-16 die irakische Ruine Sinjar sowie das syrische Derik. Sie zerstörten unter anderen die Radiostationen „Dengê Rojava“ und „ÇIRA-FM“. Verstreut im Sinjar harren bis heute viele Überlebende des Genozids an den Eziden als Binnengeflüchtete aus. Die Nacht zum 25. April rief bei vielen von ihnen die Erinnerung an den 3. August 2014 hervor, als die Menschenjäger mit dem Siegel des Propheten über sie herfielen. Einzig das entschlossene Auftreten des US-amerikanischen Militärs zwang die Türkei ihre Aggression abzuschwächen, Europa dagegen schwieg sich aus. Was man Erdoğan schwerlich absprechen kann, ist ein Gefühl für historische Symbolik, denn der 24. April 1915 markiert den Beginn des Genozids an den anatolischen Armeniern. An diesem Tag wurden in Istanbul hunderte armenische Intellektuelle verhaftet, deportiert und schlussendlich ermordet.

In Wirklichkeit waren die türkischen Todesgrüße Teil der Rache, die Erdoğan an jenen nimmt, die sich der großen Türkei nicht als neo-osmanische Vasallen hergeben, an jenen also, die Erdoğans einziges Versprechen an Syrien, in der Damaszener Umayyaden-Moschee als Vorbeter aufzutreten, als die narzisstische Drohung verstehen, die sie unmissverständlich ist. Durch die Türkei fließt bis heute die logistische und materielle Versorgung militanter Muslimbrüder und ihrer ideologischen Derivate bis hin zur al-Qaida. Flankiert vom türkischen Souverän hat eine Parallelstruktur außerparlamentarischer Muslimbrüder, wie die berüchtigte İHH, einen militärisch-“humanistischen“ Komplex begründet, inklusive Benefizabenden, auf denen die Traditionslinie von Osama Bin Ladens Mentor Abdullah Azzam über das spirituelle Haupt der Hamas Ahmed Yasin bis hin zum kaukasischen Emir Dokka Umarov gezogen wird.

Die syrischen Taliban der Ahrar al-Sham haben noch vor Jürgen Todenhöfer, Vladimir Putin und Donald Trump der Türkei Erdoğans zum „Ja“ zur Präsidialdiktatur gratuliert. Ahrar al-Sham preist die Schlächter der afghanischen Taliban dafür, dass sie gelehrt haben, „wie das Emirat in die Herzen des Volkes gepflanzt wird, bevor es Wirklichkeit auf dem Boden wird“. Auch wenn Erdoğan noch nicht das Emirat in die Herzen der Türken gepflanzt hat, so hat er doch den Hass auf jene genährt, die die Kurden vom Islam zu entfremden drohen. Der Erdoğan hörige türkische Boulevard titelt von „Zoroastriern“ und „Feueranbetern“, wenn er die Staatsfeinde meint. Die notorische Yeni Akit beschuldigt die oppositionelle Halkların Demokratik Partisi (HDP), die Avesta, die heilige Schriftsammlung der Zoroastrier, gegen den Islam in Anschlag zu bringen. Nichts anderes als den organisierten Abfall vom Islam, so Yeni Akit mit ihren "Enthüllungen", verfolge auch die Guerilla.

Auf die militärische Unterwerfung des abtrünnigen Südostens folgte das aggressive Niederdrücken der kriminalisierten HDP: systematische Inhaftierungen kommunaler Amtsträger, die Zerschlagung der Gemeinderäte sowie Zwangsverwaltung ihrer Kommunen und schließlich die Inhaftnahmen der Parteivorsitzenden sowie mehrerer Abgeordneter. Dieser gelungene Militärcoup im Südosten ermöglichte es dem Regime, das Referendum über die Verfassungsänderung, die ganz konkret die formal-juristische Ermächtigung Erdoğans zur Präsidialdiktatur ist, systematisch zu manipulieren. Vor allem im Südosten kursierten die bis zu 2,5 Millionen ungestempelte Wahlzettelumschläge, die entgegen der eigenen Verfassung als gültig entschieden worden sind.

Das, was die faschistische Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen an der HDP verfolgt, sind nicht allein verloren gegangene Prozente. Bei aller Kritik etwa an dem demokratischen Irrsinn, seine Parteigänger als Volk, halk, anzusprechen, bricht die kriminalisierte Partei in Vielem mit den nationalen Mechanismen, in denen die falsche Einheit reproduziert wird. Wider eine Staatsfront aus Leugnern gedenkt sie der Ermordeten von 1915 und nennt die genozidale Annihilation der anatolischen Armenier bei Namen: soykırım. Sie versteht sich ausdrücklich auch als Partei der von tugendterroristischer Verfolgung Betroffenen wie Homo- und Transsexueller – auch gegen die alten Herren in der Partei, die sich eine konservative Volkspartei der Kurden wünschen – und solidarisiert sich mit den Toten und Überlebenden des Massakers in der Diskothek „Pulse“ in Orlando, wo dieselbe „faschistische Mentalität“ zugeschlagen habe, die jede Nicht-Identität auszurotten drohe.

Genau das ist es auch, was der Staat der Muslimbrüder an einem föderalen Nordsyrien so fürchtet. Konträr zum antilaizistischen Rollback anderswo, ist die nationale Disziplinierung mit islamofaschistischem Antlitz hier heute gefürchteter, ja: verhasster als irgendwo anders. Ein Gemeinwesen, was mit der Gewalt der Zwangshomogenisierung zu brechen verspricht, kann in Ankara nur als Drohung an ihr wahres Unwesen verstanden werden. In Nordsyrien hat man sich, zunächst klandestin organisiert und mit düsteren Aussichten, in Absehung der Konfession sich gegen die genozidale Bedrohung gestemmt. Der „Islamische Staat“ ist keine Verschwörung, es ist die Kontinuation genozidaler Homogenisierung: von der organisierten Ausrottung der „Ungläubigen“ in Anatolien im Jahr 1915, dem Gründungsverbrechen türkischer Staatlichkeit, bis zur „al-Anfal“-Militärkampagne Saddam Husseins. Dass die heutige Geografie des Todes der Geografie der Vergangenheit gleicht, mag mehr als eine bösartige Ironie der Historie zu sein. Nach Mosul, Aleppo sowie entlang des Khabur Ufers führten die Todesmärsche der anatolischen Armenier. Die vergessenen Vergessenen Verfolgten des Genozids von 1915, die Eziden, flüchteten zu Hunderten zu ihren Glaubensgeschwistern ins bergige Sinjar. Ihre ehemaligen Dörfer im türkischen Südosten sind heute verwaist oder islamisiert. Im Jahr 2014 dann flüchteten die Eziden zu Hunderttausenden aus dem Sinjar sowie die letzten verbliebenen Christen aus Mosul vor der genozidalen Bestie, die auch das Khabur Ufer, wo hundert Jahre zuvor für nur zu viele die Todesmärsche endeten, nach Beute abstreifte.

Die bürokratisch verfolgte Ausplünderung der anatolischen Christen einschließlich der Konfiszierung des „verwaisten“ Besitzes der Ermordeten initialisierte die ursprüngliche Akkumulation eines türkifizierten Kapitals. Die Genozideure trieben in der vorgetäuschten „Umsiedlung“ und schließlich im Mord zur Perfektion, was sie den Armeniern projektiv anlasteten: Hinterlist und Gier. Die Raubökonomie des „Islamischen Staates“ verfolgt keine initiale Akkumulation mehr, sie gilt einzig noch der finanziellen Absicherung ihrer selbstmörderischen Endschlacht gegen die Ungläubigen, etwa durch die Versklavung junger Frauen. Das Morden, die Demütigung der Ungläubigen, ist den Genozideuren zum reinen Selbstzweck geworden. Es ist einzig noch eine Akkumulation des Todes, deren genozidalen Züge auch einen Vorsprung in der Konkurrenz mit al-Qaida um die Anwerbung von Kombattanten verheißen.

„Wir können nicht zulassen, dass Sinjar zu einem neuen Qandil wird“, droht Erdoğan nunmehr seit Längerem. Dass die einzige militante Versicherung, die den auch von sunnitischen Kurden verfolgten Eziden bleibt, sich weigert, das Sinjar-Gebirge zu verlassen, ist der Türkei eine einzige Provokation. Nahezu fatalistisch dagegen ertrug die Türkei jahrelang die apokalyptische Existenz des „Islamischen Staates“ entlang ihrer Grenze zu Syrien, deren Emire noch in der anatolischen Provinz Schläfer positionierten. Selbst das suizidale Massaker in Ankara, der Kapitale der Republik, brachte den türkischen Souverän nicht dazu, die Nadelöhre der Schläfer zu verplomben, ihre Logistik konsequent auszuheben und die Mörder auch über Grenzen zu verfolgen – ein strategisches Kalkül und damit ein Kalkül des Todes. Es ist viel mehr das drohende Ende des „Islamischen Staates“ selbst, das an Erdoğans Nerven zerrt. Während die Türkei den Genozid an den Eziden seelenruhig zuließ und ihre Grenze als logistische Korridor für die islamistischen Menschenjäger offenhielt, brachen aus dem irakischen Qandil-Gebirge Guerillas der Hêzên Parastina Gel (HPG) und aus dem nahen Nordostsyrien militante Kurden der Yekîneyên Parastina Gel (YPG) nach Sinjar auf. Viele der dem Genozid entkommenen Eziden, unter ihnen unzählige junge Frauen, werden von ihnen in militanter Selbstverteidigung trainiert. Christliche Assyrer halfen dabei, den Fluchtkorridor von Sinjar ins syrische Cizirê zu sichern. In den Syrian Democratic Forces (SDF) haben sich Christen und Kurden mit Arabern und Turkmenen zur militärischen Zerschlagung des „Islamischen Staates“ vereint.

Einen knappen Monat nach dem Massaker an den französischen Satirikern von Charlie Hebdo reiste eine Delegation aus Syrisch-Kurdistan - unter ihnen die Kommandeurin der Yekîneyên Parastina Jin (YPJ – die Frauenarmee innerhalb der YPG) in Kobanê, Nesrin Abdullah, sowie die Co-Vorsitzende der Partiya Yekitîya Demokrat (PYD), Asya Abdullah – nach Paris. Eingehakt mit den Überlebenden von Charlie Hebdo traten sie auf die Straße, wo am 7. Januar 2015 die Freunde des Kalifats gnadenlos zugeschlagen hatten und schworen, die Toten des Massakers zu rächen. Die Delegation gedachte auch vor dem jüdischen Kaschrus-Markt Hyper Cacher den Ermordeten. Mit begrenztem Erfolg hatten die Angereisten zuvor selbst konkrete Solidarität eingefordert und daran erinnert, dass sie die universalen Werte der in sich gespaltenen Gattung Mensch und nicht allein sich, das heißt „ihr Volk“, gegen die Genozideure verteidigen. Als am 16. Juni 2015 die YPG und ihre arabischen und turkmenischen Alliierten das Grenzstädtchen Tel Abyad vom „Islamischen Staat“ befreiten, kursierten als erstes die Bilder von Frauen, die ihren Gesichtsschleier verbrannten, einige rissen sich auch jeglichen Schleier vom Haupt. Die Türkei drohte indessen mit Artillerie. In Manbij wiederholten sich die Bilder – und die türkischen Drohungen. Solidarität mit den gegen das Kalifat Kämpfenden heißt nicht, aus dem Gröbsten eine Heilsideologie zu machen und dabei im blinden Enthusiasmus zu ignorieren, dass auch dieser Organisation die Tendenz, dass ein Abstraktes – das Nationale – zum Selbstzweck werden kann, nicht völlig fremd ist. Wer sich jedoch darauf beschränkt, diejenigen der Kritik zu überführen, die aus der militant organisierten Selbstverteidigung ein quasi-religiöses Heilsversprechen machen, verhält sich nur spiegelbildlich zur internationalistischen Tristesse – kosmopolitische Solidarität sieht anders aus. Sie wäre die Verteidigung einer Hoffnung, die etwa darin ganz konkret revolutionären Ausdruck findet, wie Befreiung gefeiert wird.

Der Kampf gegen das Kalifat wird ausdrücklich als einer gegen den islamistischen Feminizid geführt. „Frau – Leben – Freiheit“, ist der außerprotokollarische Eid, den die weiblichen Rekrutinnen der YPJ sich schwören. „Wir als kurdische Kämpferinnen der YPJ begehen darauf, Rakka zu befreien“, so Cihan Ehmed, die Armeesprecherin für die Militäroperation „Zorn des Euphrats“. Wer ihre militärische Organisation als ein Instrument von anderen oder als einen Dolchstoß wider die syrische Opposition denunziert, wie es unter Freunden der „syrischen Revolution“ gängig ist, verhöhnt diese jungen Frauen, die wissen, was ihnen vor allen anderen unter dem Kalifat droht. In Wirklichkeit bringen sie gegenüber der syrischen Katastrophe als einzige noch das Gröbste an Humanität und Freiheitsdurst in Anschlag. Die militärische Logik der Brigaden und Bataillone militanter Sunniten entspricht nicht anders als die des Regimes von Bashar al-Assad, des klerikalfaschistischen Irans sowie seiner Hezbollah den fatalen Mechanismen einer Ökonomie der Warlordisierung und Konfessionalisierung. Das Rekrutierungsbecken der sunnitischen Militanten ist die ländliche Peripherie der Großstädte. Ihre ökonomische Nichtigkeit unter einem Regime konfessioneller Cliquen und die brutale Repression traf hier auf landläufige Frömmigkeit, die Agitation durch Moscheen und salafistische Wanderprediger und schließlich auf die Generosität türkischer Muslimbrüder und saudischer Missionare.

Man kann kein Freund eines Führerkultes sein, wie er allen Organisationen in Berufung auf Abdullah Öcalan eigen ist, und es fiele noch einiges anderes ein, was der Revolution in Rojava nicht zu Ehren reicht. Was ihr aber zu Ehren reicht, ist ausreichend, sie in aller Entschiedenheit zu verteidigen: ihre entschlossene Front gegen die militante Konterrevolution, als Frauen gegen den Femizid, als „Abtrünnige“ und „Feuerbändiger“ gegen die genozidale Homogenisierung unter dem Siegel des Propheten. Dass sie wider das Kalifat eine Idee von Sozietät propagiert, die Religion aus der Politik verbannt, die Selbstbefreiung der Frauen als wechselseitige Bedingung der Befreiung von der syrischen Diktatur behauptet, ist ihr Verdienst, das den Hass der Freunde des Todes auf sich zieht. Die Freunde eines föderalen Syriens sind nicht zufällig in die militärische Konfrontation mit dem „Islamischen Staat“ hineingerutscht, sie sind ihr natürlicher Erzfeind. Anderswo drohen weitere Konfrontationen. Die irakischen Hashd al-Sha’bi verweigerten jüngst ezidischen Militanten den Zutritt in das zuvor noch in Kooperation befreite Siba Sheikh Khidir, südlich von Sinjar, mit einer Begründung, die nicht überraschen sollte: dass auch Frauen unter den Militanten sind, verstieße gegen Gottes Gesetz. Die Hashd al-Sha’bi sind eine Allianz vor allem schiitischer Milizionäre, offiziell unter der Kontrolle von Baghdad sind sie der verlängerte Arm der iranischen Qods-Pasdaran. Die mächtigsten Milizen unter ihnen – Badr Corps, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib al-Imam Ali – kämpfen auch in Syrien.

Iran und Hezbollah, Bashar al-Assad und Vladimir Putin kalkulieren wie die Türkei darauf, dass die Befreiung von Rakka durch die Syrian Democratic Forces und US-Amerikaner scheitern wird. Der Iran propagiert in diesen Tagen den Marsch auf al-Tanf, wo die oppositionelle „Freie Syrische Armee“ kürzlich den „Islamischen Staat“ verdrängt hat. Ihr Kampf gegen den „Großen Satan“, die US-Amerikaner, an der südlichsten syrisch-irakischen Grenze soll dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah den militärischen Nachschub, Menschen und Material, aus dem Irak und Iran sichern. Im Irak dagegen genießen die iranhörigen Shiah-Milizen eine US-amerikanische Flanke über Mosul.

„Sie haben Wind gesät und einen Sturm geerntet“, heißt es bei Yeni Akit und ganz ähnlich bei Michael Lüders. Aus der expliziten Drohung von Seiten der Hassprediger Erdoğans spricht die Verachtung für jene, die das Leben mehr lieben als den Tod und auf die das Trällern einer jungen emanzipierten Frau mehr Wirkung hat als das agitatorische Gekeife des Reis. Bei dem deutschesten unter den deutschen Orientexperten, Michael Lüders. ist es der moralische Ellenbogen gegenüber den US-Amerikanern und die Einfühlung in die orientalische Despotie, ganz im Interesse des deutschen Exports. In Wirklichkeit haben beide, Europäer und US-Amerikaner, die Saat des Hasses, den der politische Islam zum Lehrauftrag macht, hingebungsvoll gegossen. Während die Militärdiktaturen in Ägypten und Syrien die Muslimbrüder an manchen Tagen brutalst verfolgten, weil diese erstere als unislamisch denunzierten und revolutionär zu zerschlagen drohten, würdigte man in Europa die Exilanten für ihre antikommunistische Überzeugung und calvinistische Strenge im Gebet wie im Geschäft. Es war zunächst vor allem die antikommunistische Funktion, die der politische Islam so präzise einzunehmen vermochte wie nur wenige andere Ideologien.

Von der Moschee im idyllischen München-Fröttmaning aus spannten die ägyptischen und syrischen Muslimbrüder ihre Intrige gegen die Freiheit über halb Europa. Im Centre islamique de Genève und anderswo lehren sie bis heute die präventive Konterrevolution, die als erstes und am unnachgiebigsten die Mündigwerdung der Muslime abzuwenden droht. In Genève traf auch ein gewisser Albert Friedrich Armand Huber auf die Muslimbrüder, er konvertierte schließlich 1962 zum Islam und rief sich nunmehr Ahmed Abdallah al-Swissri. Ahmed Huber, der in Ägypten auch auf den berüchtigten NS-Kollaborateur Mohammed Amin al-Husseini sowie den zum Islam konvertierten NS-Propagandisten Johann von Leers traf, steht für die Kontinuität der beiderseitigen Faszination von faschistischen Ideologien europäischem Ursprungs und politischem Islam sowie panarabistischer Erweckung. Was sie eint, ist der Hass auf die Juden und alles, was diese zu personifizieren haben: kommunistischen Klassenhass, die Verweichlichung des Mannes, die bedrohliche Moderne, das abstrakte Moment des Kapitals.

Doch Komplizen haben die Agitatoren Allahs bis heute nicht nur unter europäischen Faschisten. In Bruxelles-Molenbeek und anderswo händigt ein tödlicher saudisch-belgischer Pakt die maghrebinische Diaspora an die Imame des Henkerreiches aus. In Großbritannien ist es unrühmliche Tradition einer schlanken Sozialpolitik, Immigranten – wenn sie sich nicht selbst daraus freikaufen können – mit ihrem rassistisch gesetzten „Ursprungsmilieu“ aus Imam und familiärer Idiotie allein zu lassen. Im Jahr 1981 etwa initiierte die Stadt Bradford einen Council of Mosques, der nunmehr als informeller Unter-Souverän in der islamisierten Community auftrat. Am 14. Januar 1989 verbrannten seine Moscheegänger auf Bradfords Straßen symbolisch die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie. Der Ratsvorsitzende der Moscheen von Bradford forderte den Tod des abtrünnigen Literaten. „Ich würde mein Leben und das meiner Kinder opfern, um die Wünsche des Ayatollahs (Khomeini) wahr zu machen“, so der vom Staat zur kommunalen Autorität erhobene Hassprediger. Säkulare Immigrantenvereinigung, wie das Asian Youth Movement, wurden in jenen Jahren von beiden Seiten zermürbt. Die Mordkampagne gegen Salman Rushdie fungierte dem schiitischen Iran der Ayatollahs als ideologische Einfallsschleuse in die vor allem sunnitischen Immigrantenmilieus Großbritanniens. Und nicht zu vergessen, dass die autochthone britische Sozialdemokratie seit Jahren von ähnlichen Antisemiten beherrscht wird wie die Islamische Republik Iran.

Mit Anbeginn des Imports von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil als garantiert galt, dieses alsbald wieder abzuschieben zu können, fungierte nördlich wie südlich der Alpen allen voran der türkisierte Islam als Wächter über die Segregation. Womit die vor allem anatolischen Immigranten tagtäglich konfrontiert waren, war natürlich ihre rassistische Verächtlichmachung. In ihrer Wirkung war diese aber nicht „antimuslimisch“. Vielmehr gewährte in der Fabrik die deutsche Direktion das rituelle auf die Knie fallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. 1978, im Jahr antialevistischer Pogrome in Kahramanmaraş und anderswo in der anatolischen Provinz, war es dem Rudelführer der Grauen Wölfe Alparslan Türkeş überlassen, auf einer stationären Großdemonstration in der Westfalenhalle den Tod der kommunistischen Feinde der Türkei anzudrohen. Zuvor verhalfen ihm christsoziale Antikommunisten, allen voran der spätere bayrische Ministerpräsident Strauß, in der hessischen Provinz zur Gründung der Türk Federasyon, der zentralen Aktionsplattform der Grauen Wölfe.

Während der Pogrome an Aleviten – identifiziert mit sexueller Freizügigkeit und kommunistischer Subversion – kam es zu spontanen Verbrüderungen der rivalisierenden Banden aus Grauen Wölfen und Parteigängern der Milli Görüş, der Ursprungsbewegung der türkischen Muslimbrüder, der auch der junge Recep Tayyip Erdoğan entkroch. Auch in der türkischen Diaspora bestand ihre Einigkeit einzig im Tod jener, die die nationale Nicht-Identität verkörperten. Aus ihren Moscheen kamen die Mörder von Celalettin Kesim, eines Berliner Kommunisten, den eine Rotte aus Grünen und Grauen Wölfen an einem Januartag im Jahr 1980 ermordet hat. Und aus ihren Moscheen kommen bis heute die Dialogpartner der deutschen Politik. Die Mörder von Celalettin Kesim wurden mit kulturrelativistischer Einfühlung bedacht, der Ermordete mit Ignoranz und rassistischer Verächtlichmachung.

Unter der Totalität des Kapitals, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst widersinniger Zweck ist, bleibt kaum eine menschliche Regung von ihr unerfasst und droht jede Freiheit, die nicht ihresgleichen ist, unter dem stummen Zwang erdrückt zu werden. Der politische Islam steht noch in seiner aggressivsten Variante nicht außerhalb dieser Totalität. Doch ist es nicht der Seufzer der verächtlich gemachten Kreatur, den er religiös chiffriert. Viel mehr überführt er die Totalität des Kapitals in die Sphäre des religiös Absoluten und fordert das Opfer für einen höheren „göttlichen“ Zweck.

Die Angst und Paranoia gründen aus der tagtäglich ins Bewusstsein vorstoßenden Gewissheit darüber, als Exemplar der kapitalisierten Gattung zugleich für diese absolut fungibel zu sein. Die Selbsterhöhung des Frömmlers, der im Gebet und mit allerhand sich selbst auferlegten Zwängen der Selbstoptimierung zu Gefallen der herrschenden moralischen Instanz hinterherhetzt, mag für einen Moment über diese narzisstische Kränkung täuschen. Längerfristig ist es aber nicht die Innerlichkeit, die die Kränkung heilt. Die Selbsterhöhung des Gläubigen ist die der Rotte, die Einheit vor allem negativ realisiert: im Neid auf jene, die die aufgezwungenen wie selbst gewählten Entbehrungen nicht teilen; im Hass auf jene, die noch irgendwie an die Möglichkeit von individuellem Glück erinnern; in der vernichtenden Rache an jenen, denen die Liebe zum Leben noch nicht genommen ist. Es ist nicht der Seufzer der gequälten Kreatur, es ist ihr Todesschrei, der zuallererst dem Tod aller anderen gilt, wobei der eigene Tod als Märtyrer mit einkalkuliert wird.

Den ideologischen Apparat, der die religiöse Selbsterhöhung zum eliminatorischen Hass eskaliert, haben muslimische Immigranten nicht im Handgepäck nach Europa eingeschleppt. Die ideologische Zurichtung erfolgt auch nicht nach dem Do it yourself-Prinzip, wie etwa das Anrühren von Chemikalien. Sie hat einen logisch-historischen Ursprung, der eben nicht in eins fällt mit dem Ausritt Mohammeds und seines Gefolges in die Wüste. Das brutale Scheitern nachholender Modernisierung von Ägypten bis nach Afghanistan, zu dessen Vorwegnahme sich die Muslimbrüder bereits im Jahr 1928 gründeten, provozierte jene narzisstische Kränkung, die bei der Kollision der ruinösen Wirklichkeit mit dem eigenen Selbstbild permanent angereizt wird. Bei allen Regimes der Region, von der Islamischen Republik Iran über das pseudo-säkulare Syrien „arabischer Erweckung“ bis zum informellen Suppenküchenstaat der Muslimbrüder in Ägypten unter Sadat und Mubarak, installierte sich ein Erziehungsapparat, der den Reflex der ihnen Unterworfenen reizt, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige von anderswoher zu exorzieren. Allem voran wird die Existenz Israels schamlos funktionalisiert, das falsche Alibi dafür zu sein, die Modernisierung von Ökonomie und Staat nicht zu bewältigen. Wahrlich hatten die Freunde einer wirklichen Modernisierung, die viel mehr die religiösen Ketten zu sprengen hatten, auch unter US-Amerikanern und Europäern wie Charles Wilson und Jürgen Todenhöfer weniger Freunde als bärtige Antikommunisten. Und auch die Massenhysterie um den Ayatollah Khomeini faszinierte deutsche und französische Antiimperialisten mehr als die von nahezu allen allein gelassenen Frauen, die am 8. März 1979 noch gegen die Zwangsverschleierung anschrien.

Die Erziehungsdiktatur zur Unmündigkeit blieb nie auf die Unterworfenen, die im eigenen Staat verblieben, beschränkt. Die schleppende Modernisierung der Ökonomie in der Türkischen Republik etwa, deren Staatsgründungsmythos ein antiimperialistischer und zugleich antiarmenischer und antigriechischer ist, stand ab den 1960er Jahren in Abhängigkeit von der türkischen Diaspora. Mit dem Aderlass der Migration aus dem vor allem ländlichen Anatolien nach Europa sicherte sich die Türkei Deviseneinnahmen in Milliardenhöhe von Deutsch-Mark. Diese ökonomische Abhängigkeit der krisengeschüttelten Türkei von jenen zuvor Überschüssigen erforderte einen ideologischen Apparat, der über die Loyalität der Ausgereisten zum Vaterland eifersüchtig wachte. Vorherrschend waren in diesem staatstragenden Apparat jene Grünen und Grauen Wölfe, die in Türkei selbst an anderen Tagen noch von den Traditionslaizisten in Bürokratie und Militär unsanft ausgebremst worden waren. Von jenen Funktionären des „Volksislams“ türkischer oder pakistanischer Provenienz wird jene Saat der Unmündigkeit und der Opfermythen gepflanzt, aus dem auch der eliminatorische Hass der Mörder von Manchester keimt.

Von einem Europa der Kollaboration wird nichts anderes zu erwarten sein, als dass es sich in die Ideologien und Apparate derer einfühlt, die herrschen. Nachdem am 31. Mai durch ein suicide bombing mit über 150 Toten im afghanischen Kabul auch die deutsche Repräsentanz schwer beschädigt worden ist, erklärte eine Charakterfratze in Ministerwürden, dass die deutschen Beamten in Kabul vollends damit ausgelastet wären, den Schaden an der deutschen Repräsentanz in einen Bericht aufzunehmen, und so die Abschiebung eines jungen afghanischen Schülers aus dem fränkischen Nürnberg in die suizidale Hölle verschoben werden müsste. Wenige Stunden zuvor war der junge Mann von Polizisten über den Rasen geschleift worden, nachdem Mitschüler und er selbst sich der Zwangsausreise nicht demütigt gebeugt hatten. Einige Tage danach erklärte eine andere pausbackige Charaktermaske in deutschen Ministerwürden, man müsse auch Friedensgespräche mit den Taliban führen. Das alles ganz im Sinne deutscher Diplomatie: Denn das Recht auf Abschiebung lässt man sich auch von Terroristen nicht nehmen. Oder anders ausgedrückt: Man beharrt auf Abschiebungen nach Afghanistan ganz so als wäre es noch die einzige Standhaftigkeit, die die Deutschen dem politischen Islam entgegenzubringen vermögen.

Wenn überhaupt über ihre Lippen Worte der Pietät kommen, gelten sie deutschen Diplomaten, nicht aber jenen Afghanen, die tagtäglich um ihr Leben fürchten müssen in einem Kabul, in dem einst der revolutionäre Auftrag darin bestand, die Frauen vom feudal-religiösen Joch zu befreien. Hinterbliebene der Toten vom 31. Mai, sowie andere Afghanen drückten wenige Stunden später nach dem suicide bombing – vermutlich angerichtet durch die mit den Taliban alliierte Haqqani Guerilla – ihre Verachtung für die Taliban und andere islamistische Gangs auf der Straße aus. Als Ende April Gulbuddin Hekmatyar, einer der blutrünstigen Warlords Afghanistans, nach einer Amnestie nach Kabul heimgekehrt ist, beschmierten junge Afghanen mit dem Namen „Feiheitsliebende Jugend“ die riesigen Banner, die in Kabul einen Versöhnungsauftritt Hekmatyars ankündigten, mit blutroter Farbe. Hekmatyars islamistische Bikergang war dafür berüchtigt, dass sie Ende der 1970er Jahre junge unverschleierte Studentinnen mit Säure verätzte. Später trug Hekmatyar den Beinamen der „Schlächter von Kabul“. Das christsoziale Parteiblatt „Bayernkurier“ dagegen präsentierte im Jahr 1981 ihn und seine „Partei des Islams“ als „Freiheitskämpfer“, die „in den Bergen des Hindukusch auch unsere, der Völker Europas Freiheit verteidigen“. Jürgen Todenhöfer traf Hekmatyar persönlich wie auch Abdul Rasul Sayyaf, der später eine philippinische Organisation des Todes zu ihrem Namen inspirierte.

Am vorgestrigen Tag erklärte das Generalkommando der Syrian Democratic Forces, dass die Militäroperation zur endgültigen Befreiung von Rakka, der syrischen Kapitale des Kalifats, nun beginne. Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım drohte sogleich mit Vergeltung, falls die „Sicherheit der Türkei“ tangiert werde. In der ersten Reihe der SDF kämpfen hunderte von jungen Frauen. Hoffen wir, dass jede einzelne von ihnen sobald wie möglich ihr Leben genießen kann und dass Rakka bald befreit ist. Lassen wir sie nicht allein.


   In Izmir während des Ramadans noch möglich, anderswo nicht mehr: Pride Parade, 4. Juni (Foto: Gözde Demirbilek/Kaos GL)

Wie desinteressiert und borniert gegenüber dem, was in der Türkei und anderswo geschieht, die Deutschen sind, verrät etwa, dass sich kein einziger deutschsprachiger Bericht über ein veritables Pogrom an einem Tag im diesjährigen Fastenmonat Ramadan findet. Circa hundert junge Männer attackierten unter dem Gebrüll „Allahu Ekber“ mit Wurfgeschossen eine Cafeteria auf dem Cebeci Campus der Universität Ankara, in der tagsüber junge Menschen aßen und tranken. Die Bedrängten halfen sich mit Barrikaden, um zu verunmöglichen, dass die Männer, unter denen einige mit dem Wolfsgruß drohten, in die Cafeteria einfallen. Der Slogan der Bedrängten, den sie den Aggressoren verzweifelt entgegenbrüllten: „Cebeci wird das Grab des Faschismus sein“ (Cebeci faşizme mezar olacak), verhallte schließlich in Polizeihaft für die Verfolgten. Lassen wir auch sie nicht allein.