Freitag, 16. Dezember 2016

Flugschrift: Von der syrischen Katastrophe zur Demokratie der Märtyrer


Die Skala an Meinungen über die syrische Katastrophe ist so breit nicht. Die Denkform, die Antiimperialisten Syrien überstülpen, lässt sich auf folgendes herunterbrechen: die Erhebung gegen einen Präsidenten, der Israel für seinen einzigen Feind hält, kann nur eine Intrige von ganz anderswoher sein. Womit sie – seien es nun die Alois-Brunner-Gedenkkorps in Damaskus oder die türkische Vaterlandspartei – drohen, ist bei allen dasselbe: nationale Souveränität. Und wer die Abstrakta Souveränität und Volk konkretisiert ist ihnen unstrittig: Bashar al-Assad, ein „stiller, nachdenklicher Mann“ (Jürgen Todenhöfer). Ausgerissene Fingernägel sind ihnen ein ständiges Plebiszit.

Die ideologiekritischen Denunzianten der „syrischen Revolution“ halten es nicht mit Bashar und noch weniger mit dem Volk. Sie mißtrauen von Grund auf der Erhebung der arabischen Pauperisierten. Doch die Konsequenz aus diesem Mißtrauen, die zu ziehen wäre, sich mit den allein gelassenen Säkularen zu assoziieren, ihnen mit dem Gröbsten beizustehen, bleibt gänzlich aus. Ideologiekritik ist heruntergebrochen auf die Retirade in die Geborgenheit des eigenen theologischen Seminars. Den Freunden der „syrischen Revolution“ dagegen ist die Jihadisierung der Zufallsguerilla vor allem Folge ihrer Verlassenheit. Dabei war diese nie allein gelassen – ganz anders als nichtmilitärische Oppositionelle. Die Emissäre türkischer und katarischer Muslimbrüder sowie der saudischen Despotie haben die Guerilla akribisch im Geiste der eigenen Staatsideologien organisiert. So beschriften panturkistische Brigaden, flankiert von der institutionellen türkischen Guerillaorganisation MİT, ihre Artilleriegeschosse mit den Namen ihrer ideologischen Ahnen: Enver Paşa, jungtürkischer Mitorganisator des Genozids an den anatolischen Armeniern, etwa oder Muhsin Yazıcıoğlu, Gründer der „Partei der Großen Einheit“ und Hauptinitiator des antialevitischen Pogroms von Maraş im Jahr 1978. Jeder kann wissen, wer Idlib erobert oder sich im östlichen Aleppo eingegraben hat, sie haben Namen, Embleme, Twitter, Public Relations. Ihre Drohung an die mit dem Regime identifizierten Minoritäten ist nicht weniger konkret als die Bashar al-Assads an die Abtrünnigen der Republik der Angst: Entweder seid ihr mit uns und oder ihr werdet zermalmt.

Über die ländliche Peripherie sind die sunnitischen Militanten ab Ende Juli 2012 nach Aleppo eingesickert, die logistische Flanke erfolgte aus der Türkei. Unter ihnen von Beginn an überzeugte Feinde eines säkularen Syriens wie Harakat Nour al-Din al-Zenki, deren Militanten es als Publicité verstanden, als sie einem feindlichen Kindersoldaten lachend die Kehle durchschnitten, oder die saudisch inspirierte Asala wa-al-Tanmiya in der Tradition des salafistischen Obskurantisten Rabi al-Madchali. Militärische Solidarität mit diesen Warlords – und sie sind es, die übergeblieben sind – kann nichts anderes heißen als die Verewigung des Schlachtens. Es ist eine Mär von der alleingelassenen Guerilla. Sie konnte jahrelang auf die Generosität und imperialen Ambitionen allen voran der Türkei und Qatar vertrauen.

Doch das ist allerhöchstens die halbe Wahrheit: Wer in diesen Tagen die Ruinen des östlichen Aleppos nach Abtrünnigen durchkämmt, bringt die höchste Expertise im blinden Rächen mit. Wo Badr Corps, Kata'ib Hezbollah, und Asa'ib Ahl al-Haq, die der klerikalfaschistische Iran in die syrische Hölle abkommandiert hat, herrschen, werden nicht nur die verbliebenen Sunniten als Sühneopfer für die erlebte Hölle unter Saddam Hussein und seiner Auferstehung im „Islamischen Staat“ verfolgt. Wo sich ihr Zugriff auf das Leben konsolidiert, werden unnachgiebig alle als lebende Beleidigung des verborgenen Imams identifiziert, die an ein fernes Leben außerhalb der Männerrotte, die in irakischen Slums längst zum entscheidenden ökonomischen Faktor geworden ist, erinnern: vermeintliche Homosexuelle, unverschleierte Frauen, junge Liebespärchen.

Während die sunnitische Auswanderung nach Syrien mit Hunderten von Blutrünstigen mit Namen wie al-Almani, „der Deutsche“, und al-Belgiki, „der Belgier“, ihren Schatten auf Europa wirft, ergänzen inzwischen ganze Milizen aus dem proklamierten schiitischen Halbmond die Front Bashar al-Assads, wie die afghanische Hezbollah, die pakistanische Liwa Zaynabiyun und die jemenitische Ansar Allah. Wie ihre sunnitischen Komplementäre bestehen sie nicht ausschließlich aus ideologisch durch und durch stramme Kader. Viele der zwischen 10.000 und 12.000 afghanischen Milizionäre in Syrien lebten zuvor als Geflüchtete im Iran unter einem Regime, das wahrlich als Apartheid zu denunzieren wäre. Der Iran drängt sie mit dem Versprechen einer Legalisierung ihrer kümmerlichen Existenz in die tarnfarbende Kluft. Es erinnert an die Ein-Kind-Politik des viel beschworenen Stabilitätsgaranten in den 1980er Jahren. Tausende Kinder wurden ihren Familien abgepresst und gezwungen, eingegrabene explosive Metallkörper an der irakisch-iranischen Front zu neutralisieren. Versprochen war den Kindern das Paradies, den Familien die Güte des revolutionären Staates. Inzwischen droht der Iran, ein „Anker der Stabilität“ (Hassan Rouhani, aber nur die wenigsten europäischen Staatsmänner würden ihm widersprechen), siegestrunken an, auch im Jemen und Bahrain eine Entscheidung in der blutigen Rivalität mit Saudi-Arabien zu erzwingen.

Wer zwischen diesen Feinden des Lebens ausharrt, ist wahrlich alleingelassen. Doch das Interesse von ihnen zu erfahren, ihnen, wenn auch mit weniger als dem Gröbsten, beizustehen, existiert nur bei den Wenigsten. Razan Zaitouneh etwa ist eine der Begründerinnen des Violations Documentation Center, mit dem die Geiseln und Toten der politischen Ökonomie der Haft, die das Regime und seine militanten Feinde installierten, dokumentiert werden. Um den Schergen Assads zu entkommen, übernachtete Razan nahezu täglich woanders. In Ghouta, östlich von Damaskus, wurde sie am 21. August 2013 Zeugin des Erstickungstodes und empörte sich über die zynische Resolution der „Vereinten Nationen“, die den Verbleib Assads als syrischen Präsidenten legitimierte. Kein halbes Jahr später wurden sie und ihre Freunde Samira al-Khalil und Nazem Hammadi sowie ihr Mann Wael Hamada verschleppt. Doch nicht durch das Regime, ihre Familie beschuldigt die Jaysh al-Islam, den mächtigsten Warlord in Douma, finanziert durch die Saudis. Razan und ihre Freunde, die „Douma 4“, sind bis heute verschwunden – und keiner fragt inzwischen mehr nach ihnen. Über 200.000 Menschen wurden in den vergangenen Jahren verschleppt und ihre Angehörigen erpresst, mehr als 11.000 Menschen sind in den Fängen ihrer Peiniger, in der Mehrheit regimeloyale Banden, gestorben. Wiam Simav Bedirxan erzählt in der bedrückenden Filmdokumentation über die Ruine Homs „Silvered Water, Syria Self-Portrait“ von dieser beidseitigen Bedrohung durch das Regime und islamistische Banden.

Razan und ihre Freunde

Damit, dass die Freunde der syrischen Opposition so abstrakt von „den Rebellen“ daherreden, helfen sie den realen Oppositionellen nicht. Es gibt sie noch, die säkularen Streiter eines Syriens für alle. Manche sind gezwungen, sich mit der vorherrschenden Bande zu arrangieren, um die beidseitige Bedrohung standzuhalten. Hin und wieder werden sie auch porträtiert – mit der Ungewissheit wie lange sie noch leben. Auf Gnade des Regimes können sie als letztes hoffen. Mit der Einnahme des östlichen Aleppos geht ein weiteres perfides Detail der syrischen Katastrophe einher. Vladimir Putin, militärischer Patron Assads, und Recep Tayyip Erdoğan, oberster Warlord der sunnitischen Militanten, feilschen um die Garantie dafür, dass den Militanten der Abzug aus Ostaleppo nach Idlib gewährt wird. Über ein Gespräch mit Putin hatte Erdoğan noch im November gesagt, dass er „unsere Freunde“ darin instruiert habe, die Jabhat Fatah al-Sham zum Verlassen Aleppos zu bringen. Mit „unseren Freunden“ meint Recep Tayyip nicht die syrische al-Qaida selbst, wie man denken könnte, viel mehr die Staatsbediensteten an der Front, etwa des MİT. Von Idlib aus, so droht es, könnten die Militanten in die „Operation Euphrates Shield“ gegen ein föderales und säkulares Nordsyrien integriert werden. Aus Rache für Aleppo terrorisieren sie währenddessen noch die schiitischen Exklaven al-Fu'ah und Kafriya in Idlib.

Die syrischen Taliban der Ahrar al-Sham* sind inzwischen zum wesentlichen Koalitionär der türkischen Militärkampagne in Nordsyrien geworden. Sie bewegen sich auf al-Bab zu, Aleppo dient ihn allein noch zur Propaganda eines neuen Srebrenica. Die Mobilisierung gegen die konfessionellen Feinde der ahl as-sunna, des „Volkes der Tradition“, erfolgt in der Türkei über die islamistische Charité İHH, die berüchtigte Ensar Vakfı, die Parteijugend von Millî Görüş: Anadolu Gençlik, und auch über das Diyanet selbst, der höchsten islamischen Autorität in der Türkei. Die Mobilisierung etwa vor das iranische Konsulat in Istanbul dient nicht der wirklichen Konfrontation mit dem Iran, viel mehr der staatstragenden Inszenierung als sunnitisches Opferkollektiv. In der Konsequenz ist die Teilnahme der nationaljihadistischen Banden – bislang noch mit Ausnahme der syrischen al-Qaida – an dem türkischen Militäreinmarsch auch eine indirekte Entscheidung im Interesse des „Regimes der Rafida“. Sie kamen ihren Glaubensbrüdern nicht in der Schlacht um Aleppo bei, viel mehr instruierte sie der türkische MİT in der Einnahme von Cerablus und dem Einschlagen eines sunnitischen Keils inmitten eines föderalen Nordsyriens.

In den ganzen Jahren der syrischen Katastrophe haben die Freunde des „Vereins freier Menschen“ (Marx) keine syrischen Mitstreiter gefunden. Nicht, weil es diese nicht gibt: weil sie nicht nach ihnen geschaut haben. Seit dem 11. September 2001 ist die orientalische Despotie mit ihren antisemitischen Implikationen zentraler Gegenstand ideologiekritischer Indignation, doch bis heute haben ihre Protagonisten, mit wenigen Ausnahmen, keine syrischen Genossinnen und Genossen. Der großartige exilierte Kritiker des kulturellen Relativismus, Sadiq Jalal al-Azm, lebte die vergangenen Jahre in Berlin, doch niemand lud ihn zum Gespräch, nirgends kursierten seine Schriften in Lesezirkeln, dafür geifert man über abtrünnige Diskursgauner. Am 11. Dezember ist Sadiq al-Azm verstorben.**

Ohnmächtigkeit wäre noch human, was vorherrscht ist kaltes Desinteresse. Die wenigen, die sich für Syrien interessieren, lassen Mythen ranken um die von allen alleingelassenen Militanten. Doch so phlegmatisch ist Europa nicht. Die zivilisierte Verachtung gegenüber der Schießbefehl-Forderung deutscher Nazis ist eingekehrt in die europäische Flanke des türkischen Todesstreifens entlang der syrischen Grenze. Jene, die aus Aleppo und anderswo flüchten, werden spätestens hier wieder durch einen ganz konkreten Schießbefehl in die syrische Hölle abgedrängt. In Griechenland ist jene religiöse Minorität der Eziden, die der „Islamische Staat“ beinahe ausgerottet hat und die in der Türkei zur Konversion gedrängt wird, gezwungen, in Slums auszuharren. Es ist naheliegend, wo konkrete Solidarität zu greifen hätte.

Doch auch die nächste drohende Katastrophe lässt man unaufgeregt auf sich zu kommen. „Als wir auf diesen Weg aufgebrochen sind“, so Recep Tayyip Erdoğan, „haben wir das Leichentuch angelegt“. Es sei die „höchste Ehre“, so der türkische Staatspräsident, „die Stufe des Martyriums“ hinaufzusteigen. Sein Minister Mehmet Özhaseki ergänzte jüngst bei einer Ansprache vor Polizisten: „Wir sind alle Anwärter, Märtyrer zu werden. Falls Allah es so vorsieht, werde ich zum Märtyrer. Hoffentlich werde ich auch Märtyrer“. Doch bescheiden wie sie sind überlassen die Muslimbrüder in Amtswürden diese Ehre anderen. Das administrative Diyanet wirbt in Comics bei Kindern für die Schönheit des Märtyrertodes. Händchenhalten unter Verliebten sei dagegen unsittlich. Ein Lehrer einer Elementarschule in Istanbul lässt seine Schüler vor einer ausgeschmückten Märtyrerecke mit Galgen posieren. Dies ist das Programm des Onkelstaates der Muslimbrüder: die Verherrlichung des Todes und Rache als kollektive Übung.

Die Teyrêbazên Azadîya Kurdistan, die „Freiheitsfalken Kurdistans“, eine undurchsichtige Bande nationalistisch Verrohter, empfiehlt sich dabei den Muslimbrüdern nachdrücklich als Komplementär an. In Beşiktaş, wie zuvor in Ankara, schlugen ihre suizidalen Märtyrerkommandos dort zu, wo das Leben anderntags noch gefeiert wird, in den Refugien lebensfroher Laizisten. Die Detonationen gelten türkischen Militärs und Polizisten, doch der Tod Unschuldiger wird kühl einkalkuliert. Während man über die „Freiheitsfalken“ nur wenig erfährt – die PKK laviert ihr gegenüber zwischen entschiedener Distanzierung und väterlichem Tadel, manch einer spekuliert auf eine Infiltration durch den MİT –, schlägt der Staat gnadenlos gegen jene zu, die sich gegen die beidseitige Eskalation stemmen. Innerhalb von 48 Stunden nahmen Polizisten 568 Parteifreunde der Halkların Demokratik Partisi sowie der verschwisterten Kommunalpartei Demokratik Bölgeler Partisi in Haft. In den gerazzten Bezirkszentralen der Partei hinterließ die Polizei wie jede andere Gang ihr Graffiti: „Wir waren hier, doch ihr wart nicht da“. In Cizre und anderen Ruinen im Südosten, wo es kaum anders aussieht als in Aleppo, prangt an vielen Fassaden in verschiedenen Varianten eben jenes „Geldik Yoktunuz“, eine Verhöhnung der in die Flucht Gezwungenen. Der Abgeordneten Besime Konca drohten Polizisten während ihrer Inhaftnahme: „Du gehörst in den Sarg oder in den Knast“, über Stunden berieselte man sie mit Militärmärschen. Der Vater einer der zivilen Toten von Beşiktaş empörte sich darüber, dass der Staat seinen Sohn einen „Märtyrer“ nennt. Sein Tod habe keinen Sinn gehabt, er wurde ermordet. Noch sind die individuellen Widerstände gegen die Märtyrerisierung nicht erdrückt.

Was auch mit Blick auf den Iran im Jahr 2009 und wenig später auf Syrien beschämend war – man wisse ja nichts konkretes, wer und wo denn die Oppositionellen seien – blamiert sich in der Türkei vollends. Jeder kann wissen von den Frauenprotesten unter den Bannern „Beharrlich für Freiheit und Laizität“ und „Für unser Lebenüben wir Widerstand gegen männliche und staatliche Gewalt“. Es interessiert nur nicht, denn die Indignation der Unfreiheit, die Denunziation der Unmündigkeit sind überhaupt nicht als praktisch werdende Universalerzählung gedacht, sie dienen einzig dem eigenen intellektuellen Wohlempfinden.


* Die Ahrar al-Sham preist die afghanischen Taliban dafür, dass sie gelehrt haben, „wie das Emirat in die Herzen des Volkes gepflanzt wird, bevor es Wirklichkeit auf dem Boden wird“.

** Danke an Andreas Benl, der mich an Sadiq al-Azm erinnerte.